Von Kulturbeuteln, Klappstullen und Bommelmützen

[In Ergänzung zu meinem gestrigen Post am Tag der Muttersprache]

Auf tagesschau.de schreibt man weiter (Link zur Quelle am Ende)

Vielen Dank! Zum Tag der Muttersprache hatten wir sie gebeten, unsere redaktionsinterne Sammlung zu vergrößern – mit ihren Lieblingswörtern. Ehrlich: Wir sind überwältigt. Innerhalb weniger Stunden erreichten uns so viele Zuschriften, dass wir den Aufruf einstellen mussten. Eine Auswahl Ihrer Vorschläge. Zugegeben: Es war keine ganz einfache Aufgabe, die Vielzahl der Mails zu sichten und dann die schönsten Wörter auszuwählen. Wir haben es dennoch versucht.

Den Vogel abgeschossen hat ein Wort, auf das wir so sicher nie gekommen wären. Nicht wenige von Ihnen nannten uns nämlich das Wort „nichtsdestotrotz“. „Da passt einfach alles“, meint beispielsweise Anna S. „Ein Wort, das sich nur Deutsche ausdenken können“, findet Ingo S. „Zwiebelfisch“-Autor Bastian Sick hat das Wort zwar als „eine mit Luft gefüllte Dreikomponentenhülse“ bezeichnet, die es dank massenhafter Verbreitung sogar zu einem Eintrag in die Wörterbücher geschafft hat. Nichtsdestotrotz – wenn Sie finden, das Wort gehört in unsere Sammlung, dann nehmen wir es auf. Einzigartig…

Julia M. und andere Schreiber steuerten das Wort „Zeitlupe“ bei. „In keiner anderen Sprache wird das so poetisch ausgedrückt“, meint M. – und, ehrlich, je länger wir darüber nachdenken, finden wir das auch. Andere schöne Wörter, die so nur das Deutsche bietet, haben Sie uns ebenfalls in die Liste geschrieben: den „Taugenichts“, die „Heimat“, „Sehnsucht“ und „Romanze“, „Feierabend“ oder „gemütlich“. Dazu schreibt Susanne S. aus Italien: „Mein deutsches Lieblingswort ist ‚gemütlich‘, weil es das in einigen anderen Sprachen nicht gibt. Und auch wenn man es übersetzt, dann ist es doch nicht dasselbe, weil deutsche ‚Gemütlichkeit‘ eben etwas völlig anderes ist als amerikanische oder russische oder finnische oder italienische.“ Wir stimmen zu. Schunkel.

Zum Nachdenken regte uns der Vorschlag von Helmut R. aus Handeloh an: Er schlägt „Unwahrheit“ vor. „Das Superwort – auch unserer Politiker – um eine Lüge wieder gut aussehen zu lassen.“ Ungelogen – ein beachtenswertes Wort.

Ein deutscher Hit scheint auch ein äußerst praktisches Reiseaccessoire zu sein: der „Kulturbeutel“. Diese einzigartige Mischung aus Goethe und Behälter inspirierte mehrere Leser dazu, uns das Wort für die Sammlung vorzuschlagen. Gebongt.

Auch das „Quentchen“ (okay, es heißt eigentlich Quäntchen) schafft es auf unsere Liste – vor allem, weil die Begründung von Mareike aus Siegen so schön ist: „weil es irgendwie ein zusammen geschobenes Quietsche-Entchen ist“.

Viele Ihrer Vorschläge lassen sich wunderbar in Untergruppen sammeln: „Wanderbaustelle“, „Schuttrutsche“, „Bürgersteig“ und „telematischer Wechselwegweiser“ kommen eindeutig aus dem Bau- und Transportwesen. Aus dem Bekleidungs- und Einrichtungsbereich stammen „Bluse“, „Bommelmütze“, „Schnürsenkel“, „Strickstrumpf“, „Kuschelkissen“, „Einbauküche“ und „Wohnzimmer“.

In die Untergruppe Gruppe „Essen und Nahrungsmittel“ möchten wir die „Klappstulle“, die „Fettbemme“, den „Paradiesapfel“ und die „Sahneschnitte“ aufnehmen – und irgendwie auch die „Brotzeit“ und den „Schluckspecht“. Auch „gurgeln“ soll unbedingt dabei sein.

Keine Frage, viele Vorschlägen sind bei näherer Betrachtung echt zum Nase-Rümpfen: „Klugscheißer“ zum Beispiel. „Das Wort hat einfach alles“, meint Steffen S. „Ein Querschnitt durch die deutsche Mentalität: Ein positiver Begriff und ein Fäkalausdruck vermitteln abwertende Kritik und Neid. Es kann aber auch mit einem anerkennenden Touch daherkommen – ähnlich wie Steuersünder, Edelnutte oder Berufspolitiker.“ Wow. Eine tolle Begründung. „Mastdarm“, „Gesichtserker“ (Fies für Nase?) und „Schietbüttel“ für kleines Kind (beide vorgeschlagen von Helmuth W.) sollen ebenfalls auf unsere Liste. Und irgendwie schön finden wir auch den „Schnupfen“. Dazu Monika R. aus Helsinki: „Man kann ihn nur richtig aussprechen, wenn man unter Schnupfen leidet. Das muss nasal kommen und nach verstopfter Nase klingen.“

Viele Vorschläge erreichten uns auch aus dem Bereich: Fügen-Sie-soviele-Wörter-aneinander-wie-möglich-und-machen-Sie-eins-draus. „Elektrofischscheuchanlage“, steuerte Leser W. bei. „Wohl nur im Deutschen können Fische elektrisch in einem einzigen Wort gescheucht werden.“ Mehrmals genannt wurde auch „Heizölrückstoßabdämpfung“ – ein Wort, das nicht nur atemlos macht, sondern in dem sich kein einziger Buchstabe wiederholt.

Nicht unerwähnt, aber – vor allem aus Unwissen – unkommentiert möchten wir folgende Vorschläge lassen: „Opportunitätskosten“, „morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich“, „Nichtnachrüstbarkeitsbescheinigung“ und Wasserbehälterentleerungsblockierungsanlage“. Letzeres will Martin S. in der Toilette eines polnischen Zuges entdeckt haben. Das lassen wir gerade so durchgehen – und auch nur, weil jeder von uns irgendwie schon mal so ein Monsterwort gehört hat.

Zum Schluss erreichten uns noch eine regionale Besonderheiten: die ostdeutsche „Kaufhalle“, das „Plumeau“ – eingedeutscht: Plümmo“ – für Federbett, puffelige Zudecke, Steppbett… und das süddeutsche „Dummbatz“. Weder verorten noch übersetzen ließ sich ein Wort, das wir aber so schön finden, dass wir es trotzdem erwähnen wollen: der „Miefquirl“. Jan K. aus Norderstedt, könnten Sie uns das erklären? [Quelle]

 

 

 

Kommentar von mir:
*lol* Irgendwie sollte ich im Web nach einem Verzeichnis „solcher“ Wörter suchen. Ich denke diverse Handbücher aus dem Bundeswehrbereich sind garantierter Lieferant allerlei kruder Wortschöpfungen, die es nur in der deutschen Sprache geben kann. 🙂 Ich sollte zudem testen, ob unsere englisch stämmigen Leute aus dem Team das Wort „Kulturbeutel“ auf die Reihe bekommen. Selten habe ich so amüsiert tagesschau.de gelesen.

 

 

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