Siez mich – Dutz mich

Nun waren wir also bei IKEA, ich habe es hinter mir. Wir haben neue Handtücher und spontan auch einen neuen Schreibtischstuhl für mich mitgenommen. Es war also nicht so schlimm wie befürchtet, ich wurde quasi bestochen. 🙂

Na ja, etwas ist mir gestern bewusst zum ersten Mal aufgefallen. IKEA duzt seine Kunden in allen geschriebenen Kommunikationen (z.B. auf Hinweisschildern, usw.) im ganzen Haus, was mich nicht sonderlich stört. Ich habe versäumt Bilder zu machen, aber ich denke jeder kennt die Schilder. Als ich bei einer Servicekraft neue Milch für meinen Kaffee erbat, antwortete diese „Ich bringe Ihnen sofort neue Milch“. Nett, aber also doch „Sie“. Witzigerweise prangerte über Ihr ein Schild (sinngemäß) „Hier kannst Du Getränke bekommen, soviel Du willst“ und einen Meter weiter weg (sinngemäß) „Bitte räume Dein Geschirr weg, dass hilft uns mehr Zeit mit kochen zu verbringen ..bla bla.. billige Preise ..bla bla..“. Irgendwie komisch….

Da ich den ganzen Tag sehr häufig mit englisch sprechenden Menschen zu tun habe, habe ich die urdeutsche Scheu vor dem Dutzen fremder Menschen schon längst verloren. Warum auch nicht? Ich habe das ohne es wirklich zu wollen im RL schon weitestgehend problemlos adaptiert. Muss ich aber dennoch wirklich mal drauf achten. 😉

Nach ein wenig stöbern fand ich auch eine sehr schöne Erklärung für den Ursprung dieses „Sie-Du Dings“ (fällt unter ’nice-to-know‘):

„Am Anfang war das allgemein Du. Bis zum Beginn des Mittelalters war es im Deutschen die einzige Anrede. Im neunten Jahrhundert trat das hochgestellten Personen vorbehaltene Ihr dazu. Die dahinter stehende Logik muss gelautet habe: Mehrere sind besser als einer, also tun wir so, als sei der Höhergestellte mehrere Personen in einer – Qualität ausgedrückt durch Quantität. Auch die römischen Kaiser sprachen von sich im Plural, dem Pluralis maiestatis. (Der Plural, in dem Autoren zuweilen von sich selbst reden, soll genau das Gegenteil sein, ein Pluralis modestatiae, der Bescheidenheit, der ihm erspart, mit einem <Ich> aufzutrumpfen, wird aber gern missverstanden.)

Bis zum siebzehnten Jahrhundert blieb es beim Nebeneinander von Du und Ihr: jenes die Anrede unter Vertrauten, dieses als respektvolle Anrede an Fremde. Dann trat eine weitere Differenzierung hinzu: das Er beziehungsweise Sie, Zunächst für höhergestellte bestimmt (Verzeih sie mir meine Zudringlichkeit [an eine Frau]), das aber bald seinen Ehrerbietungscharakter einbüßte, zu einer distanzierenden Anrede an Untergeordnete absank (Er kann mich mal …) und als zu unhöflich im neunzehnten Jahrhundert ganz von der Bildfläche verschwand, eine Entwicklung, die sicher vom Aufkommen einer neuen Höflichkeitsform gefördert wurde, dem Plural-Sie, die dann auch das alte Ihr verdrängte. Ursprünglich handelt es sich um den pronominalen Bezug auf pluralische Anredeformeln wie <Euer Gnaden> oder <Euer Hochwürden> und wurde dann auch groß geschrieben (So Euer Gnaden geruhen … werden Sie in mir einen treuergebenen Diener finden …), aber bald machte es sich selbstständig, und niemandem mehr kam es seltsam vor: dass man seinen Gesprächspartner anredete, als wäre er mehrere abwesende Personen.

So dass im neunzehnten Jahrhundert nur noch zwei Anreden übrig waren: das Du für vertraute und das Sie für fremde Menschen. Jede Anrede eine Entscheidung zwischen intimem Duzen und distanzierendem Siezen. Ein Du am unrechten Ort war eine Zudringlichkeit oder der Beleidigung. Es riss einseitig die Distanz ein. Das Du, das Deutsche bis heute zuweilen für ihnen persönlich unbekannte Ausländer übrig haben, ist von dieser Sorte: ein Ausdruck der Verachtung. Nur im Proletariat und dann in der Arbeiterbewegung blieb Du die Regelanrede unter gleichgestellten Erwachsenen, auch wo sie nicht persönlich miteinander bekannt waren.“ [Quelle: wer-weiß-was.de]

Leser

[Bild © hofschlaeger / www.pixelio.de]

Ein Gedanke zu „Siez mich – Dutz mich

  1. Als Schülerin habe ich bei Ikea in Wallau in der Küche gejobbt. Das „Du“, auch gegenüber den Vorgesetzten, war Pflicht. Eines Tages tagten die Geschäftsführer aller deutschen Ikea-Häuser bei uns, mit dabei auch der alleroberste Ikea-Chef Deutschlands. Ich war zum Tischabräumen eingeteilt. Ich fragte den Ikea-Chef: „Möchten Sie noch etwas zu trinken?“ Ich hatte mich als 15-jähriges Mädchen einfach nicht getraut, einen so wichtigen Mann zu duzen. „Ja, gerne“, antwortete er, „aber warum siezt du mich?“ Ich wurde sehr verlegen und stammelte irgendwas rum.
    Das „Du“ nehmen sie bei Ikea zumindest innerbetrieblich sehr ernst.

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