schrillende Hilfe

Was einem so alles durch den Kopf geht, ist man in Sorge und Personen deren Aufgabe es sein soll einem zu helfen, machen es schwer ruhig zu bleiben. Man ist sowieso schon im 5.Gang und dann …

Man betritt die Praxis und eine ganz offensichtlich mäßig motivierte Assistentin schlurft vor einem herum. Ich meine wirklich schlurfen, die Füße nicht heben wollen, nur um damit das eigenen Elend und Leid gut hörbar für alle Anderen zu demonstrieren. Nicht das es nur Eine davon gibt, nein es gibt gleich Zwei. Im Duett wird über den blanken Boden geschlurft, dass es einem die Tränen vor Mitleid in die Augen treibt. Derweil die Gattin sachte auf einen Stuhl bugsiert wird, kümmert ich mich um die Formalitäten.

Schlurfi 01: Guten Morgten, heute ist eine neues Quartal Sie müssen 10 Euro zahlen.

Ich (bin froh das sie mich vorher gegrüßt hat): Gleichfalls Guten Morgen, es handelt sich um einen Betriebsunfall. Keine 10 Euro.

Schlurfi 01: Sind Sie sicher?

Ich (blicke auf die Gattin die sichtbar Schmerzen leidet und erlaube mir einen leicht aggressiven Unterton): Ja, das sind wir.

Schlurfi 02 (kreischend aus dem Hintergrund): Ja, die Frau war gestern Abend schon da. Und hat 10 Euro gezahlt

Was trinken die hier für Wasser, dass die sich nicht auf normaler Lautstärke unterhalten können?

Schlurfi 01 (schrillt unsäglich schrill zu Schlurfi 02): Aber dann muss sie doch nicht 10 Euro zahlen. Warum machst Du denn so was?

Schlurfi 02 (im schuldbewussten Ton): Habs vergessen. Tut mir leid. (Dabei wendet Sie sich zu meiner Frau. Da diese nichts sehen kann, wegen der sichtbaren Augenbinden, eine selten dämliche Geste für eine Augenarztpraxis, zumal ich ja die Rede mit Schlurfi 01 führe. Außerdem ist diese 10 Euro Diskussion irgendwie grotesk überhaupt. Patientenverhinderungszahlung wäre vermutlich sehr viel treffender als Praxisgebühr.)

Nach ein paar Minuten hin und her Schrillens und Kreischens, wo denn nun die 10 Euro sind und wie man das nun zurück bucht, bla blubber blubb …. holte ich die Gattin an die Theke, weil nun Papierkram gemacht werden muss.

Mir kommt es zum ersten Mal in den Sinn, das gerade Erlebte ordentlich zu verarbeiten verbloggen. Es schrillt ja förmlich danach. Mein Schrill-Ertragungslevel verklemmt sich am Anschlag. Die Beiden vor uns sind die Hölle auf Erden, eine akustische Heimsuchung, der akustische Teil der apokalyptischen Reiter. Endlich geht Schlurfi 02, somit ist Schlurfi 01 gerade so zu ertragen. Sie fragt diverse Sachen ab und hebt gegen Ende der Frage die Stimme übernatürlich an. Sie schrillt doch schon wieder, oder besser immer noch. Die Fragen werden lächerlicher, dafür kann sie nichts, weil ich das Formular auf dem Bildschirm sehe. Die Stimme wird immer höher umgekehrt proportional zur Länge der Restfragen. Unglaublich wie eine Stimme derart nerven kann. Ich bedaure im Stillen den armen Geschlechtsgenossen der neben der Sirene wach werden muss. Sie trägt Ring, also leidet einer von uns. Egal, es ist sein Problem. Heute Abend trinke ich ein Tuborg auf Dich.

Irgendwann hat sie es geschafft und wir dürfen ins Wartezimmer. Der Gattin geht es grausig, Augenschmerzen sind die Hölle. Ich muss sie nicht haben, mir reicht es wenn ich es an ihr sehe. Ich dachte meine Bandscheibenschmerzen seien kaum zu toppen, sie erlebt scheinbar gerade das Gegenteil. Die Hand zu umklammern hilft etwas. *aua* Sie hat Kraft.

Keine 2 Minuten später kommt der Doc und sie muss kann mit. Ich warte und höre die gellende 10 Euro Unterhaltung von Schlurfi 01 und Schlurfi 02 wieder aufkeimen. Oh mann, haben die Probleme. Ich kann mich nur mühevoll zurückhalten, rein um meiner Ruhe willen den Beiden 20 Euro auf den Tisch zu knallen, nur damit sie endlich die Klappe halten. Es ist zu früh und ich bin zu aufgedreht, Selbstkontrolle! klappt… noch. Die Stimmen schrauben sich in unglaubliche Höhen, der Doc gibt mir meine Gattin wieder. Es wird alles wieder gut, dauert nur etwas und tut halt säuisch weh. Alles wird wieder gut. Die Gattin grinst mich unter der wohltuenden Betäubung an. Mir geht es schlagartig besser, die Muffe saust sich zu Ende.

Wir sind zurück an der Theke um ein Rezept mit Krankmeldung zu bekommen. Schlurfi 01 hockt am PC, Schlurfi 02 telefoniert in einer Lautstärke, das ich automatisch Mitleid mit Ihrem Schreipartner habe und neue (mögliche) Schlurfi 03 hockt und macht derweil die Theke. Der Anschlagzapfen biegt sich gegenüber dem Druck der Schrillevelnadel im gedachten Manometer bedenklich. So könnte ich nicht arbeiten, da würde ich Gefahr laufen als Killerspielspieler direkt ins Klischee zu rutschen.

(mögliche) Schlurfi 03 druckt alles aus und stellt fest, das Datumsfehler passiert sind. Pech. Sie entschuldigt sich und fängt von vorne an. Das Telefon von Schlurfi 02 könnte mittlerweile draußen auf der Straße liegen, am anderen Ende der Leitung würde man immer hören, dass sie eben nicht F2 drücken kann, weil ja nichts passiert. Sie hat massive Probleme mit der Praxissoftware, scheinbar also ein Supportcall. Der arme Kollege am andere Ende hat mein aufrichtiges Mitgefühl. Er könnte auflegen und hätte seine Ruhe,  ich erlebe es live. Ich denke mir nebenbei „Du kannst doch drücken, es passiert nur nichts“. Das Probleme eines jeden Supporters, ungenaue und unsachgemäße Schilderungen was passiert und was nicht. Zieht die Sache nur in die Länge und strapaziert die Nerven alle Beteiligten, weil man ständig doofes Zeugs hinterfragen muss. Der Kollege scheint aber fit zu sein, sie schweigt plötzlich und hört zu. 33% weniger Schrilldruck. Wie schön.

(mögliche) Schlurfi 03 hat auch Probleme, weil auch auf dem Rezept ein Fehler auftaucht. Schlurfi 01 schlurft schnell zu Hilfe und sei es nur um den Fehler einfach wegzuschrillen. Ich bin sicher sie schafft das, mit dem Organ kann sie auch Toner vom Papier zur Flucht treiben. Der Anschlagzapfen hält ….. nicht mehr. Ich hole Luft, um mir nun die Sirenen vorzuknüpfen. Diesen Schalldruck hält doch auf Dauer keiner ohne Schaden aus, ich will mir jetzt Luft machen, es muss sein … die werden staunen wie laut ich erst werden kann … ich mag nicht mehr … Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps … ich hole Luft um zu platzen, da zupft mich die Gattin leicht am Arm. Sie kennt mich und diese kleine Bewegung holt mich augenblicklich runter. Stimmt, sie kann ohne Augenbinden wieder sehen und die Betäubung der Augen tut ihr übrigens. Gott sei Dank. Also Ruhe – atmen – Wiese – Wind – Baum – Sonne – Grillen – zirpen – ………. schrill kreischende Weiber … *argh* was zur Hölle … die Schlurfies haben plötzlich doch alles im Griff und wir können raus. Schnell.

[Bild © unbekannt]

Ich mag nicht undankbar erscheinen, die Praxis ist mit fachlich kompetenten Leuten besetzt die fix und unkompliziert vor Ort waren, als es nötig war. Dafür gebührt Ihnen unser Dank und Respekt. Aber ich hoffe sehr, dass zukünftig ein anderer Augenarzt sich um uns kümmert, vielleicht wo in nächster Nähe noch ein HNO ist, nur für den Fall das es noch mehr Sirenen gibt. 🙂

8 Gedanken zu „schrillende Hilfe

  1. Unbekannterweise wünsch ich deiner Gattin baldige Genesung!

    Ja, Ärzte mögen kompetent sein, doch umgeben Sie sich meistens mit komischen Thekenpersonal. Bei meinem Augenarzt verschwindet immer meine Akte, obwohl sie gerade noch auf der Theke lag.

    @buchstaeblich: Fischweibkreisch? Das Wort ist herrlich!

  2. @buchstaeblich
    Das tu ich mir nicht an, freiwillig schon gar nicht. Aber ein BlogCast könnte ich nachreichen. 🙂

    Fischweibkreisch? ich will es nur ahnen, wie es sich anhören könnte. 🙂

    @ri und buchstaeblich
    Die guten Wünsche richte ich selbstredend gerne aus.

  3. Gute Besserung an die Gattin und Mitgefühl an Euch Zweibeiden! – vielleicht wäre das beim nächsten Besuch der Praxis eine Lösung 😉

    und @buchstäblich: fischweibkreisch is fies! 😉

    ~~~~~~~~~~~~~~~
    Edit:
    Imagelink angepasst
    gez. ruediger

  4. @Markus
    merci auch Dir. Sie kann das eine Auge heute morgen wieder öffnen.

    Erster Griff in der Küche: Kippen *sigh*
    dritter Satz des Tages nach dem ersten Zug: Du hast gespült. *hmpf*

  5. Kreischen ist grausamm…
    Aber dafür dass die sich um die 10€ streiten kannst du dich bei diversen Politikern und Krankenkassen bedanken. Wie überall in Deutschland gibts mörderischen Ärger wenn in der Kasse am Ende was nicht stimmt, egal ob zuviel oder zuwenig da ist. Wenn gleichzeitig die Abrechnung auch noch sagt dass die Praxis das Geld eingefordert aber nicht bekommen hat, dann darf das auch noch die Praxis an die Krankenkasse zahlen (ganz toll, brauchen nur mal ein paar dutzend Patienten sein, das summiert sich auf)

  6. @Dr.Azarel Tod
    true. Wie bedankt man sich bei Politikern? Die Krankenkasse hatte ich seinerzeit angerufen und meine Freude über diesen Unfug zu Ausdruck gebracht.

    Erfahrung seinerzeit: Keiner will es gewesen sein, man darf die verantwortlichen Personen auch nicht sprechen, weil die sind ja viel zu wichtig. Was bleibt ist Frust an der Basis, den die Basis auch unter sich ausmacht. Im Elfenbeinturm ist weiterhin alles schön.

    Aber was hilft es, die Sitzsäcke sind für 4 Jahre gewählt, man kann sie mal eben nicht aus dem Verkehr ziehen. Sondern nur warten bis man wieder gefragt wird. Und dann?

  7. @Dr.Azarel Tod: Ich denke da nur an die Krankenkassen 🙁 Milliardengewinne! Forderung der Politiker: Beitrag senken und ? Nix ! — Im Gegenteil, denn wenn ich an meinen momentanen Ritt mit der Krankenkasse denke ich an … u.a.an fischweibkreisch 😉
    Obwohl das nicht die Geschehnisse in Rüdigers Praxis entschuldigt 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.