Einkaufszettelstrafe

Vorweg, es ist herrlich sich eine ganze Woche lang um nichts anderes als die tägliche Nahrungszubereitung und Aufnahme, sowie um diverse Haushaltsaufgaben kümmern zu können. Ich liebe Urlaub.

Ich gehe vorgestern zu Rewe um die Ecke. Ich Hirn hab die Zwiebeln am Montag trotz Einkaufszettel natürlich vergessen. Egal, dazu gibt es noch 3 grobe Bratwürste und eine Lage Parmaschinken, den ich auf die am Montag erworbene Honig-Melone legen will. Mit dieser Menge an übersichtlichen Artikeln in der Hand gehe ich recht sorglos zur Kasse.
Der Rewe hier um die Ecke ist eigentlich ein zu groß geratener Tante Emma Laden, also von der Örtlichkeit her gesehen. Alles recht eng und kuschlig, aber man will schlicht nur einkaufen und keine Erlebnisgastroniomie genießen. 2 Kassen gibt es im Gesamten, eine davon ist offen, an der stehen bereits 5 weitere Personen, alle mit vollen Wagen. *sigh* Die Personen entpuppen sich als 3 ältere Damen und ganz vorne 2 Bauarbeiter, die nur Flüssigkeiten vor sich herschieben. Das geht sicher fix. Bei den 3 Damen peile frech ich den Inhalt in die Wagen, beobachte die Geschwindigkeit der Kassenbesetzung beim aufnehmen der Waren, dem ziehen über den Scanner und fasse mich.

[Bild © manwalk / www.pixelio.de]

Aus dem großen Fenster hinter der Kasse sehe ich das kleine Schwarze ungünstig auf dem kleinen Parkplatz stehen. Angesichts der Uhrzeit (~10.30 Uhr) ging ich von einem Schnellbesuch aus und stellte das kleine Schwarze daher nur schlampig an den Straßenrand. Aus dem schnellen „Rein und Raus“ wird aber wohl nichts werden. Also raus und den Kleinen schnell unproblematischer geparkt, oder warten bis sich einer aufregt? Dann würde ich meinen Platz hier aber aufgeben. ….  Nein, das kommt nicht in Betracht, sehe ich doch hinter mir schon weitere Personen stehen. Also warte ich lieber, bis sich einer aufregt.

Oder ich frage ganz höflich, ob ich mit meinen 3 Sachen nicht vorgelassen werden könne. *grübel* Nein, das geht ja mal gar nicht. So etwas ist im Mutterland des akkuraten Schlangestehens an Kassen ein Affront ohne Gleichen. Alleine schon der Gedanke zu fragen,ob man vorgelassen wird …. also wirklich. Man fragt hierzulande nicht, man wird allenfalls nach einem vergleichenden Blick des Einkaufwarenbestandes auf Eigeninitiative vom Vordermann/von der Vorderfrau entweder wohlwollend eingeladen oder eben nicht. Schon gar nicht darf man fragen, wenn die Personen in der Schlange vor einem vom Schlage rüstige Rentnerinnen sind. Lieber nicht. Oder doch? ‚Na los‘, denke ich mir, ‚fasse Dir ein Herz und frage, eine nach der Anderen‘.

*zöger-räusper* „Verzeihung, dürfte ich Sie um den Gefallen bitten von Ihnen vorgelassen zu werden?“ Dabei halte ich Ihr erklärend meine 3 Sachen hin und nicke mit dem Kopf auf Ihren übervollen Einkaufswagen. Sie dreht sich, blickt zuerst die 3 Sachen an, dann mich, dann Ihren Wagen, dann holt sie Luft. *ohoh – ich hätte es wissen müssen* „Junger Mann, *typisch* ich stehe hier nicht zu Spaß wie Sie sehen“, zetert sie mich an, „auch ich möchte auch irgendwann fertig werden und nach Hause. Wenn Sie keine Zeit haben tut mir das leid, ich muss auch warten.“ Ihre Blicke könnten das Ozonloch wieder schließen. Natürlich muss ich an „so eine“ geraten. Na gut, warte ich halt. Es nervt, aber ich habe Urlaub, ich lasse mich nicht nerven.

Von der nahen Haupttür lugt ein fetter Dackel herein Der erspäht Dame drei vor mir. Wildes wedeln zeigt sein Erkennen an. Sie fängt aus Dankbarkeit über die Distanz mit der Hund das Schäkern an. Oh man, das nervt. Die Bauarbeiter haben ihres erledigt, Dame eins hat derweil Ihr Zeugs auf das zu kurze Band geschaufelt, Dame zwei muss demnach warten bis das Zeug von Dame eins weg ist, damit sie auch ihren Wagen leer bekommt. Es hupt. *schreck* Ich schau schnell aus dem Fenster. Es war aber nicht wegen dem kleinen Schwarzen. Dame drei (die, die auch mal fertig werden will) bekommt es mit und grinst mich irgendwie bösartig schadenfroh an. Es kostet wieder mal Mühe, aber ich schweige. Ich habe mich besiegt.

Dame eins ist fertig, vernimmt den zu zahlenden Betrag und beginnt nun völlig konfus und überrascht in Ihren Überlebenspaket (aka. Handtasche) nach der Geldbörse zu suchen. Natürlich kann frau nicht davon ausgehen, dass sie an einer Kasse auch nach Zahlungsmitteln gefragt wird. Sie lässt also Ihre weit geöffnete Tasche aufs Band plumpsen, auf der Dame zwei schon angefangen hat aufzulegen. Sie wühlt bedächtig und beidhändig im Ungewissen. Es raschelt und knistert deutlich hörbar aus dem Inneren, während die Hände wühlen. Das Problem von zu großen oder Handtaschen überhaupt. Je mehr Platz Frau hat, umso mehr nutzlosen Unrat schleppt sie mit sich herum.

Unter der Tasche stehen unglücklicherweise die Erdbeeren von Dame zwei. Blöder Fehler. „Passen Sie doch auf“, schrillt es von dort während sie weiter Ihren Wagen entleert. Dame eins will sofort dagegen halten, sieht aber sofort das sie verlieren würde. Sie nimmt stattdessen die Tasche mit einer Hand schnell hoch und sucht mit der anderen Hand weiter. Die Kassiererin schnappt sich die zerquetschte Schale Erdbeeren und tauscht sie am nahen Obststand kurzerhand aus. Sehr aufmerksam und nett, wie auch Dame zwei sofort erkennt. Dame eins ist kurz davor die Tasche umzustülpen, als es hinter mir fragt man möge doch die 2.Kasse öffnen, man habe nicht ewig Zeit. Ich huste ungewollt, um die heraus wollenden Bestätigung zu unterdrücken. Ich wähne mich dafür zu nahe an Dame drei.

Leider wäre Kassiererin zwei gerade in der Pause, das müsse auch mal sein. Recht hat sie. Allgemeines leises Seufzen in der Schlange, während Dame eins weiter in Wallung kommt. Es beginnt die mehr oder weniger erwartete Zwiesprache mit dem bösen drinnen sitzenden Handtaschenkobold: „ich habe doch … es muss doch … es lag doch … .“ Der fette Dackel beginnt leise zu bellen, weil Dame drei aufgehört hat ihn aus der Distanz zu liebkosen und weil es ihm wohl zu lange dauert. Mir auch, doch ich belle nicht. Ich würde aber auch gerne bellen. Irgendwie und schön laut. Ich schäme mich und lass es. Dame zwei herzt also weiter, Drängel-Dackel wedelt wieder fröhlich und ist still, hinter mir fängt das Füße scharren an als Dame eins endlich den Geldbeutel findet. Kollektives Aufatmen. Wobei Geldbeutel kann man es nicht nennen, Papiertonne passt besser. Überall quellen Papiere und alte Einkaufbelege heraus. Mir schwarnt nichts Gutes. Das Bezahlen geht aber dann doch fixer als gedacht.

Dame zwei geht total flott, Ware auf das Band, Ware über den Scanner, Ware in die mitgebrachte Tasche, zahlt sofort mit bereit gehaltenen Geldscheinen aus der Hand, Wechselgeld kommt in die Handtasche und raus. Geht doch. Prima die Frau, sie macht das augenscheinlich nicht zum ersten Mal. Orga ist alles. Ich sehe dann, das Dame drei demonstrativ mit dem Auflegen wartet, bis Dame zwei komplett fertig ist. Was soll das? Es hupt wieder. *god dammit* Der schnelle Blick offenbart, das es diesmal wegen dem kleinen Schwarzen ist. Der Huper kommt aber doch vorbei. Es wackelt nichts, er hat es ohne Kontakt geschafft. Ich hebe den Arm zum ‚tut mir leid‘, sieht er sowieso nicht, ich weiß nicht warum ich gewunken habe. *peinlich*

[Bild © Kunstart.net / www.pixelio.de]

Dame drei fängt nun gemütlich an ihren Wagen auf das Band zu entleeren. Sie hat Zeit, ich will mittlerweile keine Zeit mehr haben. Ich versuche sie anzutreiben und wechsle das Standbein ….. alle 5 Sekunden. Ich bin sicher beim nächsten hupen komme ich nicht mehr so davon. Das Band füllt sich gemächlich unter dem Bellen des Dackelviechs und den Koseworten von Dame drei, dass man ja gleich heim gehe. Oh man bin ich genervt, doch ich habe Urlaub, ich darf mich nicht nerven lassen.

Die Füße hinter mir scharren nun deutlicher, die Schlange ist nur schon 12 Leute lang. Die Pause der Kassiererin zwei läuft noch. Logisch, ich bin ja auch nicht nicht dran. Das Band ist voll und der Scan-Ritus beginnt. Meine Blicke wandern zwischen der Straße, dem Band und der Kasse, gleich habe ich es geschafft. Die Arbeit des Scanners ist getan, nun noch zahlen bitte. Der nervende Fett-Dackel bellt wieder, Dame drei öffnet unter „gleich mein Schatz, gleich“ die Tasche und fummelt drin herum. *sigh* Ist nach einem Dackel zu treten eigentlich verboten? Nein, rufe ich mich sofort zur Ordnung, der Hund kann nichts dafür.

Dame drei fängt nun an den geforderten Geldbetrag zusammen zu suchen. Natürlich verweigert Sie sich aus Prinzip der allgemeinen Unart alles mit Scheinen zu zahlen. Davon sind genug im Geldbeutel vorhanden, ich sehe sie. Alle. Nein, sie muss mit Kleingeld zahlen, passend und genau damit das Kleingeld in der Kasse nicht ausgeht und sie es los ist. Auch Ihre Handtasche hat beachtliche Ausmaße. Also warum Kleingeld loswerden, am Platzmangel kann es nicht liegen. Und warum ausgerechnet jetzt? *argh* Anstatt die Münzen gleich hin zu legen, zählt sie sich selbst in die Hand. Das führt dazu, dass sie mehrmals neu anfangen muss. Sie zählt laut mit, den Hund bellt vor Ungeduld, die Füße scharren, es fallen Münzen, es stöhnt hinter mir laut vernehmbar. Ich bin bei Jaques Tati, oder bei Loriot. Hätte ich am Montag nur nur den Einkaufszettel gründlicher gelesen und schau nach oben zu Decke.

Dame drei ist eindeutig mit dem Zählen des Münzgeldes überfordert. Die Kassiererin fragt, ob sie nicht den 50-iger haben könne, der da aus der Geldbörse lugt. Sie könne gerne warten, weil  sie würde ihr das Kleingeld wirklich sehr gerne abnehmen und blickt dabei Verständnis erwartend die Schlange entlang. Nein, tönt es von Dame drei, sie hätte es doch passend, ganz sicher und sie hätte es doch auch gleich. Dumm-Dackel bellt weiter, hinter mir ruft es plötzlich sehr laut „Halt endlich Dein Maul“. *oho* Dame drei schaut verwirrt zu mir, dann hinter mich als sie mein sofort einsetzendes Kopfschütteln sieht. Ich war das nicht. Wirklich. Lärm-Dackel stutzt aber dennoch und ist tatsächlich still. Wie schön. Danke dahinten.

Dame drei zählt um Fassung bemüht verwirrt weiter, wieder von vorne. Danke dahinten. Als die Hand zu klein wird, lagert sie kleine Teile des bereits gezählten Kleingelds vor sich aufs Band aus. Jedoch so, dass die lauernde Kassiererin nicht wirklich gut dran kommen kann. Noch nicht, das Werk will komplett und vollendet übergeben werden. Dann sammelt sie auch die 4 Münzen vom Boden auf. Die Schlange lichtet sich, unter böse klingenden Gemurmel verlassen die Letzten der Schlage den Laden und lassen Ihre Sachen einfach liegen. Auch nicht die feine Art, aber… .

Dame drei glaubt es geschafft zu haben. *juchu* Sie zählt alles zur Sicherheit letztmalig in der Hand und auf dem Band laut nach, damit es auch ja stimmt. Ich sehe vermutlich aus, als ob ich auf Toilette müsste, so oft wie ich das Standbein gewechselt habe. Die Handtasche klemmt derweil zwischen den Beinen, Dussel-Dackel fängt das Bellen wieder an. Bezahlpause – erst muss das Viech beruhigt werden. Moment bitte. Es ist hoffentlich keine versteckte Kamera hier, oder doch? Ich schaue die Kassiererin auffordernd an, ob sie nicht fix die 2. Kasse besetzen möchte, bis Holz-Dackel wieder die Schnauze hält. No way.

Dame drei hat Büffel-Dackel an der Leine und trippelt mit der Handtasche nun erwartungsvoll zurück an die Kasse. Sie übergibt/schiebt die Münzen hinüber und das Zählen beginnt dort logischerweise von vorne. Hoffentlich stimmt alles. Wenn die sich jetzt wegen 10 cent in die Wolle bekommen, werde ich zum Verbal-Attentäter. Ich muss trotz allen Unmuts innerlich grinsen. Warum ist keine versteckte Kamera hier? Mist verdammter. So was muss doch eigentlich gefilmt werden, es muss. Dame drei braucht noch eine Tüte, weil der mitgebrachte Jutesack dann doch zu klein ist. Dumm-Dackel zieht an der Leine und steht doch immer wieder an der falschen Stelle. Die Handtasche ist verschlossen und hängt an der Schulter. Die Kassiererin gibt ihr eine Tüte und hilft noch beim einräumen, bevor noch mehr gehen. Brüll-Dackel zappelt nun still weiter, ist er doch nun bei Frauchen. Aus schierer Dankbarkeit herzt sie ihn umso doller, während die Waren alle verpackt werden und sie dann nach draußen strebt. Sie ist weg, ich darf nun auch endlich zahlen (Schein ist in der Hand, schon seit 10 Minuten) und darf heim. Ich habe Hunger. Ich verlasse den Laden und Kassiererin zwei hat ihre Pause beendet. Wie schön.

Merke: Wenn man einen Einkaufszettel hat, sollte man ihn immer aufmerksam durchlesen und den Laden erst verlassen, wenn alles abgearbeitet ist. Alles, also wirklich alles. Ich will es mir immer merken *zweifingehebt*

7 Gedanken zu „Einkaufszettelstrafe

  1. Uff! Das war jetzt atmosphärisch so dicht geschildert, dass ich beim Lesen einen eigenen Adrenalinschock bekommen habe. Großes Kopfkino.

  2. Ich habe sie alle gelesen! Alle Buchstaben!Wie geil geschrieben.
    Allerdings müßte mein Herz ein Affe sein, wenn ich meinen Urlaub damit zubringe solche Romane zu verfassen.

    Plop! Prost.

  3. @buchstaeblich
    Ich fürchte alsbald für anhaltende traumatische Zustände verantwortlich gemacht zu werden. Nur zur Sicherheit: Ich bin arm, hier gibt es rein gar nichts wertvolles zu holen. 😀 Und jetzt muss ich bei Spülbloggen, die Küche ist (noch) ein Schlachtfeld.

    @ISMO
    Urlaub ist doch was herrliches, kann man doch ruhigen Gewissens tun worauf man Lust hat.

    Noch deutlich zu früh für => Plop! Prost. 🙂

  4. Spannend wie ein Krimi geschrieben!

    Die Geschichte hätte auch erzählt werden können, wäre die zweite Kasse bereits besetzt gewesen.
    Denn als unerklärliches Phänomen ist es doch auch immer so, dass man sich grundsätzlich in der falschen Schlange anstellt…

  5. Sehr genial geschrieben. Hätte ich nicht besser gemacht. Selten das ich bei so langen Texten alles durchlese. Respekt! So muss es geschrieben werden.

  6. ich halt es da wie Missfits….Frau Überall und Frau Jahnke wussten es schon immer : Der Mann als solches braucht eine Kladde, damit geht er einkaufen und arbeitet alles brav ab….
    Doch dein Erlebnis ist zu schön und in meinem Kopf lief ein kompletter Film ab…tröste dich ich auch einer von den Menschen die scheinbar immer an der falschen Kasse stehen. Spätestens wenn ich an der Reihe bin ist das Kleingeld aus oder die Kassenrolle muss gewechselt werden…Schicksal .

    Mein Spruch dazu: Hast du es eilig gehe langsam!!!

    LG Bonafilia

  7. Nein, wie fein! Wollte schon ersatzweise meinen Steiff-Pudel von anno dazumal treten. *grins*.

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