selber bezahlen

Da sitzen die Gattin, die beste Tochter von allen und ich also mal wieder in Brauns Fischrestaurant in Wiesbadens Innenstadt. Eigentlich ist es eher ein Fisch-Schnellrestaurant mit Sitzmöglichkeiten. Der Mahlzeiten dort sind überaus lecker und werden zu humanen Preisen angeboten. Zur Mittagszeit (also 11.00 plus 3 h) ist dort richtig was los. Im Publikum sind vorwiegend alte Leute, die meinst auf die extra günstige Tagesempfehlung aus sind. Touristen verirren sich hier keine, dafür ist es zu ‚versteckt‘. Die Bedienungen sind tolerant und tragen ihr Herz auf der Zunge, das Publikum freut sich über die hin und wieder kleinen zusammen mit Ihren Müttern einfallenden Kinder, meistens zumindest. Man spricht überwiegend gepflegtes hessisch mit leicht hochdeutschem Akzent.

Dort gibt es auch noch ein paar Traditionen, wie zum Beispiel das man sich an den Tisch mit anderen Leuten setzen ‚kann/darf‘, nachdem man natürlich um Erlaubnis gefragt hat. In der Regel freuen sich die alten Leutchen, wenn sich jemand zu ihnen setzt und man kann mitunter so recht kurzweilige Unterhaltungen führen. Ich finde das sehr spannend und auch bisweilen angenehm.

Wir sitzen diesmal alleine an einem Tisch, nebenan wird von einem alten Herrn belegt, die gerade seinen Teller leert. Wir kommen an den leeren Tisch, setzen uns, er ist fertig, es wird abgeräumt und der alte Herr wartet noch ein wenig bis sein Glas Bier leer ist. Wir wollen bestellen, er empfiehlt uns ungefragt den „vorzüchlischn nadur gebradene Wells mid Kräiterbuddär„. Wir danken für die Empfehlung, den hatten wir auch im Visir. Er selbst ruft dann eine der Bedienungen zum bezahlen. Nachdem er den Preis erfahren hat, beginnt er in seiner uralten brauen Geldbörse nach Geld zu fummeln. Die Bedienung steht wartend vor ihm und schaut ihm völlig entspannt und ruhig zu. Derweil er beschäftigt ist, fragt sie uns was wie haben möchten. Wels und 2 Mal Goldbarsch. Er fummelt und grabbelt weiter bis er hörbar aufseufzt. „Ach Fröileinsche, hole se sich doch des Geld bidde grad selbär, isch seh grad gar nix un mai Brill is noch im Mandel.“ Er drückt ihr kurzerhand seinen offenen Geldbeutel in die Hand, dann völlig mit sich und dem Aufstehen beschäftigt. „Und nemme se sisch ach bidde noch drai Mack exdra fer sisch, gell.“ Ich fand diese vertrauensvolle Geste sehr sehr rührend.

7 Gedanken zu „selber bezahlen

  1. Gibt selten Leute die noch Trinkgeld geben. Ich gebe fast überall Trinkgeld, viele sind jedoch damit sogar überfordert !?

  2. Du hast schon recht. Hier meine ich weniger das Trinkgeld, als das er ihr einfach die Börse in die Hand drückt. 😉

  3. Och, der ist ja süß! Sollte mal deiner Dame3 aus dem Supermarkt Anstand beibringen ;-). Ja, das ist selten, doch teilweise erlebt man das hier in Aldiläden. Wo dann die lieben älteren Herrschaften schon schlecht hören (Häh? – Noch zwanzig Cent, bitte – Ach gucken se doch mal selbst, ich kann dat nich unnerscheiden).

  4. @ri
    ich habe das zum ersten Male so erlebt. Ich kenne niemanden ‚Älteres‘, der sich in den Geldbeutel greifen lässt.

  5. Och nee, wie niedlich…er sagte tatsächlich …“drei Mack…“ ❓

    Wahrscheinlich geht der alte Herr öfters her, so das ihn die Bedienung und er sie schon recht gut kennt. Ansonsten hat er aber großes Gottvertrauen in die Menschen. Ich hoffe er wurde und wird nie enttäuscht !!!

  6. @Bonafilia
    „Mack“ (sehr schnell gesprochen) ist die hessische D-Mark von vor dem Euro. Ehrlicherweise sage ich heute häufig auch immer noch immer „Groschen“ statt Cent, das ist so was von eingeschliffen. 🙂

  7. Ich hab das auch schon öfter beim Einkaufen an der Kasse erlebt, das ältere Herschaften (vermutlich meistens Stammkunden) der Kassiererin ihr Portemonnaie übereichten, damit diese die richtige Summe entnehmen möge.

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