Terminabgleich

Der Zug war heute morgen war ziemlich voll. Mir gegenüber macht es sich ein Paar bequem. Er ist gut 1.90, reichlich Gel in den Haaren (*out*), messerscharfer Haaransatz am Hemdkragen, brauner Anzug, schwarze Schuhe (*mäh*), schwarze Rose am weißen Hemd, silber-goldene Manschettenknöpfe mit Perle, dummes Gesicht (Typ Breitling-Uhrenträger), kein Bart, keine Uhr, manikürte(?) Finger (*grübel* das sieht toll aus). Sie ist eine zierliche Blondine (gefärbt), Haare strenge zu einem perfekten Pferdeschwanz gebunden, tolle grüne Augen und blasslila Lidschatten (sah irgendwie scheiße aus), zuviel Wimperntusche, vermutlich Gesichtscreme (weil leicht glänzend) mit Bräunungseffekt, der Hals schmucklos blass, das Gesicht mit leichter Sonnenbräune, so um die 1.70 cm groß, schickes und elegantes Business-Kostüm. Er packt seine butterweiche Ledertasche auf das Gepäcknetz, sie behält Ihre Handtasche auf dem Schoss, die Jacken bleiben an. Ich schätze mal Bank oder Versicherungsleute. Ich hätte auch nicht hingesehen, wenn sie mir nicht zuerst auf den linken, dann auf den rechten Fuß getrampelt wäre. Ich kann mich nun mal auch nicht in Luft auflösen. Es ist ihr peinlich, sie spricht deutsch mit einem netten englischem Akzent. Ihr verzeihe ich, ihn hätte ich nur angegrummelt, ich bin halt auch nur ein Kerl.

Auf Baldrick läuft gerade Die Geisha, ich konzentriere mich auf das dortige Geschehen. Ein junges Mädchen wird gerade aus dem Dorf zusammen mit Ihrer Schwester geholt, meine Gegenüber sind auch irgendwie interessant. Sie sitzkuscheln sich aneinander und sie schließt die Augen, der Zug fährt ruckelnd an. Er nässelt an seiner Jacke und holt natürlich ein iPhone und auch einen Blackberry hervor. Meine Augen werden magisch angezogen und huschen (hoffentlich) unauffällig rüber, um ihn zu beobachten wie er recht ungelenk mit seinen Pranken (Hände kann man das nicht mehr nennen) die beiden hantiert. Klappt nur nicht so ganz. Ich warte schadenfroh, bis er eines auf den Boden ballert, passiert aber nicht.

Er liest und schubst sie sachte an. Sie öffnet zögerlich die Augen, schaut ihn verschlafen an und er beginnt leise mit ihr zu reden. Ich höre nichts, die japanischen Mädels auf dem Pferdekarren schreien zu laut und der Waggon poltert zu aufdringlich. Ich drücke unauffällig auf „Pause“ (*ich bin mir selbst so was von peinlich*) so dringen ein paar Fetzen durch. Scheinbar geht es um ein Terminproblem, sie reden englisch. Er hebt abwechselnd mal das iPhone, mal den Backberry hoch und verweist mit dem Kinn auf das jeweils erhobene Wunderding. Ich kann ärgerlicherweise nichts wirklich gut verstehen und lupfe daher so unauffällig wie möglich einen Stöpsel aus dem Ohr. Ich schäme mich stillschweigend ob meiner aufbrechenden Neugier und verspreche mir umgehend ein Bodenloch zum schämen zu suchen. Danach – das hier kann jetzt lustig werden und will es mir daher nicht entgehen lassen.

Sie schimpft ihn etwas ungehalten, dass er asap zusehen soll wie er die Termine verlegt. Sie könne nichts dafür, dass er sie (Kinn zeigt auf seine Hände) nicht abgleichen könne. Er wiegelt schnell ab, weil die Technik ist ja total klasse und so. Sie kümmert es nicht, sie hat klar gewonnen, ihre Augen gehen wieder zu. Dachte ich es mir doch, dass es lustig wird. Was nun, Film hier oder Lustspiel dort? Er wird gleich sowieso technisch K.O. gehen, ich sehe wie es in im arbeitet. Ich entscheide Film, weil ich kein Loch zum schämen parat habe. Besser ist das wohl.

Er telefoniert nun stirnrunzelnd mit dem iPhone, dann mit dem Blackberry, jeweils wieder in englisch. Er legt das letze Telefonat auf und schubst sie wieder, diesmal deutlich weniger sachte. Böse Fehler. Sie reißt entnervt die Augen auf. Kurzes Palaver, sie stemmt ihr Handtasche auf, wuchtet ein altmodisches Nokia heraus, kramt weiter und fischt noch einen Faltkalender dazu. Sie wetzt ihre Säbel und beginnt nun sichtlich erzürnt auf ihrem Handy herum zu hacken. Gleichzeitig schlägt Sie den Kalender auf und jongliert virtuos einen kleinen Stift. Er ist zur Salzsäule erstarrt, sie redet und scheibt, 2 Mal. 5 Minuten später ist das Handy und der Kalender wieder weg, ich lupfe den Ohrhörer, er sieht es. Das darf ich nicht verpassen, ich stelle auf Pause und tue so unauffällig wie es nur geht. Sie visiert ihn mit einem herrischen Blick, legt einen sehenswerten Augenaufschlag hin, blickt provokant zu seinen Händen, zieht einen Mundwinkel hoch und ein abfälliger Zischlaut verlässt den Mund. Sie (Betonung) habe nun die Termine umgelegt, ohne viel teure Technik (ihr Kinn deutet erneut auf seine Hände). Er könne den nutzloses Müll nun ruhig wieder wegstecken, die Situation ist geklärt. Sie setzt sich wieder bequem, macht die Augen wieder zu und er schaut irritiert zu mir. Ich blicke zurück, zucke leicht mit den Schultern, er reckt den Hals um zu sehen was ich da habe. Er erkennt wohl die Form von Baldrick als die seinem iPhone ähnlich. Auf dem umgedrehten Display kann er eine gestochen scharfe alte japanische Frau sehen. Seine Augenbraue hebt sich, er schaut auf seine Hände, wir müssen nichts sagen, wir verstehen auch so einander.

Es gibt Frauen, die wissen richtig geile Technik einfach nicht zu schätzen. *flame on* 😀

[Bild © marabou / www.pixelio.de]

12 Gedanken zu „Terminabgleich

  1. Bei uns nennt man diese Leute ganz nett „Terminkalender“ oder „Anzugträger mit Handy“ wahlweise auch „Gelbomber im Anzug“ Es gibt mit sicherheit noch mehr Titel für diese leute lol. Aber ganz ehrlich. Immer wieder schön anzusehen!

  2. Toll beobachtet und noch viel besser aufgeschrieben. 🙂

    Ja, von der Technikaffinität her könnte ich diese Frau sein. 😀

  3. Bloß gut dass es eine Suchfunktion gibt. Mit deinem Baldrick hast du mich ganz schön aus dem Konzept gebracht.
    Frauen verstehen nun einmal nicht, dass man(n) mehrere Geräte braucht und diese miteinander und nicht nur nebeneinander funktionieren müssen. Ich brauche meine Termine und Kontakte auf 2 Notebooks, einem MDA und ’nem Sony k810.
    Übrigens hatte ich neulich schon Probleme meiner Frau zuerklären, warum ich solange im Internet unterwegs bin. Es schien ihr wirklich neu zu sein, dass es neben Onlinebanking und Esprit-Onlineshop noch andere Inhalte gibt. Auf Nachfrage streite ich die letzten 2 Sätze ab.

    btw: Womit verwaltest du „Baldrick“ nun unter Ubuntu? Ich habe mit Amarok ganz gute Erfahrungen gemacht und kann iTunes (im Büro) parallel und ohne Probleme nutzen.

  4. @tAXMAN
    Mir scheint alle Ehemänner haben irgendwie ähnliche Probleme.

    Bisher jongliere ich Baldrick mit meinem Spiele-XP. Angeblich soll gtk-pod mit einer neuen lib (klick) den iPod-Touch managen können. Installiert ist schon alles, ich trau mich nur noch nicht dran.

    //// Ich sollte vielleicht eine kleine thatblog- FAQ einrichten. *denk* ////

    Mit Amarok kann ich gar nicht, ich habe meine Bibliothek in rhythmbox, zumal ich noch ein Mischnetzwerk habe (Details). Die beste Tochter von allen mag einfach nicht zu Linux wechseln. Compiz hat sie schon schwer beeindruckt.

  5. Hmm… Ich muss später detailiert bei dir nachlesen. Jetzt ruft das letzte Training vor dem Triathlon am Sonntag.
    Hier habe ich meine Erfahrungen zum Thema Ubuntu und iPod beschrieben.

  6. Ich gebe tAXMAN recht: Ich verstehe wirklich nicht, wozu der Kerl eine Schwarzbeere braucht, wenn er doch ein iphone hat! Das will mir nicht in den Kopf.

  7. @tAXMAN
    schau ich mir auch an.

    @Schildmaid
    ich vermute eines war privat, das andere Geschäft. In Frankfurt wachsen die Blackberrys an jedem Strauch und jeder kann sie pflücken. Das ist schon inflationär was hier an iPhones, Blackberry und sonst noch alleine nur am Bahnhof herumläuft.

  8. @tAXMANN
    gerade finde ich das:

    Firmware 2.0 and 2.0.1 will not sync
    In firmware versions 2.0 and above, Apple has changed the hashing algorithm used on the iTunesDB file. This hashing is yet to be broken. Until it is, syncing music for these firmware versions remains impossible. The guide above can still be used to mount the device, and to transfer files for jailbreak apps or for transfer between machines. A libgpod bug report is active here, and a project to reverse engineer the hash is located here, though it is unclear whether this project is active. [quelle: help.ubuntu.com]

    Na dann halt nicht. Ich habe Zeit. 🙂

  9. Ja, ja, die Geldmetropole Frankfurt. 😀

    Ich erscheine immer noch als Geist, dabei habe ich mit meiner E-Mail Adresse nichts gemacht. 🙁

  10. Frauen können so etwas in der Regel wirklich besser und schneller. Während Männer sich erst einmal drei Mal um die eigene Achse drehen, sind wir Frauen schon mit allem durch. Ich rede natürlich nur von meinen eigenen Erfahrungen 🙂

  11. Organisation ist alles… *g* herrlich. Aber das kenn ich auch. Nachdem mein Herzblatt sich zu einem neuen PDAtelefon *keine Ahnung wie das Ding heißt* durchgerungen hat, hab ich seinen alten Palm bekommen, die ersten Wochen sind top gewesen,mittlerweile nervt das Ding. Da bin ichmit Stift und Kalender erheblich schneller.
    Aber die Geisha ist soo ein toller Film, der lohnt sich gar nicht auf Pendelreisen. Vor allem nicht bei so tollem Publikum um sich rum. 😉

  12. *lol* Du also auch mit Stift und Kalender 🙂

    Die Geisha ist ein toller Film mit ebenso tollen Bildern.

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