Köstlich

ist es, wenn sichtbar gehetzt, eine etwas derangierte aussehende junge Frau sich in die gerade schließende Bürohaustür zwängt. Sie ist eigentlich ziemlich derangiert, zwar ausreichend künstliche Farben im Gesicht, doch ein Großteil der braunen mittellangen Haare stehen quer und so weiter ab. Man erkennt problemlos die Stellen, an denen das Kissen den Kopf die Nacht über trug, der Rest klebt platt und lustlos am Kopf. Ein Desaster. Die Bluse ist gelinge gesagt eine Katastrophe, weil übersät von Knittern und Falten. Vergessen sich vor dem zu Bett gehen auszuziehen? Der Aufzug kommt, ich lasse den Vortritt, sie akzeptiert mit einem gequälten Lächeln, sie ist noch müde. Beim Eintritt in den Aufzug sieht sie sich im Spiegel und wird blass, richtig blass. Sie bleibt bewegungslos in der Aufzugstür stehen und ich sehe ebenfalls im Spiegel Ihren Lippen ein ‚oh Scheiße‘ entgleiten (Baldrick spielt gerade richtig geilen Soul).

Sie bliebt weiterhin vom Donner gerührt stehen, noch mal ‚Scheiße-Scheiße-Scheiße‘, diesmal aber laut. Sie lässt die Tasche fallen und versucht beidhändig den Vulkanausbruch auf ihrem Kopf zu bändigen. Sie hat mich darüber vergessen, Ihr Kopf ist wichtiger. Sie fummelt und macht, bewegt sich keinen Schritt. Ich lupfe Baldrick etwas und *räusper*, ich glaube wir könnten weniger auffällig sein, wenn wir in (mit dem Finger zeigen) den Aufzug hinein gehen. Sie schaut verwirrt zu mir. Ich sehe, oh der ist ja auch noch da. Sie macht Platz damit ich an ihr vorbei kann. Ich kann nicht, diese Geste….ich muss lachen. Sie ist verwirrt und will mich schon verbal vierteilen, da  merkt sie was los ist. Sie lacht kurz mit, weil es wohl hoffnungslos ist, dem Kopf auch nur ansatzweise ohne Wasser etwas Form geben zu können. Sie seufzt resigniert, steigt ein. Sie muss vor mir raus, köstlich errötet aber kaum aus dem Aufzug beginnt sie hektisch in der Tasche nach der Schlüsselkarte zu kramen. Das wird echt anstregend für sie werden, da wette ich. Sie winkt mir dennoch kurz in der Hektik zu.

[Bild © schmitz-duisburg / www.pixelio.de]

Jetzt erst mal Kaffee und Laugen-Croissants. 😀

4 Gedanken zu „Köstlich

  1. Schöne Geschichte. *schmunzel*
    Wobei ich allerdings nicht verstehen kann, wie sie sich schminken konnte und dennoch die „Frisur“ übersehen hat. ?
    Doch was passiert frau nicht alles, wenn sie müde und hektisch in Zeitdruck ist? Ich habe einmal morgens mit müdem Hirn die Gesichtscreme anstatt der Zahnpasta erwischt. Schmeckt nicht nur Igitt, sondern es hat auch den Bürstenkopf dahin gerafft…

  2. Möglich das die Farbe noch vom Vorabend war. *lach*

    Was man da alles hinein interpretieren könnte:

    * Betrunken nach Hause, fertig mit der Welt und eingeschlafen
    * one-night-stand und Absprung nicht geschafft
    * letzte Bahn verpasst und irgendwo übernachtet
    * …..

  3. Rüdiger, Du hast eine sehr schöne lyrische Ader und Du wirst immer besser („Man erkennt problemlos die Stellen, an denen das Kissen den Kopf die Nacht über trug“).
    Du beschreibst die kleinen Alltagsgeschichten so wunderbar, dass ich sehr neidisch werde – schließlich bin ich die Journalistin 😉

    Eigentlich bist Du der ideale Mann, dem eine etwas derangierte Frau morgens begegnen kann: verständnisvoll und augenzwinkernd.

    Allerdings kann ich es auch kaum glauben, dass sich eine Frau morgens auf den Weg ins Büro macht, ohne wenigstens ein Mal in den Spiegel zu sehen. Das kann eigentlich nicht sein…

  4. @Nachteule
    wow. lyrische Ader…merci.. ich fühle mich sehr geschmeichelt. 🙂

    Also ich kann mich an Zeiten meiner frühen Jugend erinnern, da hatte ich auch anderes im Kopf, als in den Spiegel zu sehen um mich tageslichtfähig zu gestalten. Ich mag die Idee, dass sie eine wilde Nacht hatte, morgens wach wurde, sich vergegenwärtigte was da passiert ist und nur schnell weg wollte. Würde vom Eindruck her auch gut zu ihr passen. 😉

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