Wandlung

Wir wohnen seit 18 Jahren hier. Eine kleine schnuckelige 4 Zimmer Wohnung in einem 100 jährigen Haus, mitten in Wiesbadens Schmuckkästchen. Wie haben die Wohnung kurz vor der Geburt der besten Tochter von allen bezogen, ihr Zimmer mit Liebe und Hingabe als Babyzimmer hergerichtet.

Nach 4 Jahren wurde das Zimmer zum Kinderzimmer umgemodelt. Neue Tapeten, andere Farben, neuer Teppich und neue Möbel. Und die kleine Maus immer fleißig dazwischen, Werkzeuge reichen, Kartons zerrupfen, Aufräumen zuschauen wie wir werkelten. Weil partout keine passenden Regale zu bekommen waren, haben wir damals vieles aus Fichtenholzplatten selber gebaut. Das war schon ein tolles Zimmer und sie war stolz wie Oskar.

Dann brauchte sie ein größeres Bett, einen anderen Schreibtisch, ein größerer Schrank, das Zimmer wuchs wieder mit. Der Wechsel zum Mädchenzimmer war schwer, weil ‚plötzlich‘ war es kein kleines Kind mehr, sie hatte bestimmte Vorstellungen oder Wünsche und verstand diese auch bockig durchzusetzen.´Also wieder Möbel raus und diesmal richtig coole Sachen besorgt, neuer Teppich, eine kleine Schlafcouch, einen besseren Schreibtisch, Stehlampen – sie wusste was sie wollte. Der Aufbau und das Aufstellen waren diesmal alles andere als einfach. Wenn Mutter mit Tochter am zanken sind, wie was gehört und wo genau was hingestellt wird, die Tochter jedoch komplett anderer Meinung ist, Männer ich sage euch geht aus der Wohnung und wartet bis das vorbei ist.

Das Zimmer wurde später durch diverse Poster ‚aufgewertet‘. Sie wollte keine Reißzwecken nehmen, sondern nur Tesafilm. Demzufolge sahen die Wände recht bald ziemlich übel aus, weil je nach Musik und Liebling. Die Schranktüren wurden beklebt, ein ’nicht stören‘ Schild gebastelt, das Zimmer wurde zur Mädchenhöhle. Wobei wir ihren Raum schon immer respektierten. Wir klopfen seit jeher vorher an, wenn wir rein gehen und wenn die Tür zu war, wird sie auch danach wieder geschlossen.

Der Teppich musste nach einem ‚Unfall‘ dann vor einigen Jahren erneuert werden, der Schreibtisch war zu klein, die Kindercouch war kaputt gesessen, die Tapete verbraucht, alte Farbe, aus der Mädchenhöhle wurde ein Jugendzimmer. Die hübschen Poster wurden gegen teilweise hässliche und mitunter mehr provokative ersetzt. Der Tesafilm wurde verbannt, überall lagen Reißzwecken herum. Eine Qual bis alles fertig war, aber danach war sie zufrieden.

Vor ein paar Wochen wollte sie wieder, dass wir im Zimmer was machen müssten. Das Bett wäre zu klein und überhaupt müsste mal wieder umgestellt werden. Die Schlafcouch ist ein Reinfall (ist sie auch) und sie wolle ein Teil der alten Bücher weg haben und so weiter.

Die Gattin ging mit ihr also ein neues breiteres Bett kaufen, die Regale wurden entfernt, wunschgemäß wurden die Bücher verbracht, der Schreibtisch versetzt. Die Poster wurden wieder ruhiger und feiner, ein Großteil der ganzen Aufkleber wurde ohne das wir etwas gesagt haben eines Abends mit Scheuermilch entfernt.

Heute mittag haben wir, besser sie das neue Bett fast alleine aufgebaut und alles wurde nach Ihren Wünschen diesmal ohne Zank umgestellt. Ich konnte den Kopf nicht freibekommen und sah uns immer wieder in den Jahren zuvor, ihr Zimmer gemäß ihrer Wünsche und ihres Alters umbauen bzw. umzugestalten. Jetzt ist es fast fertig und es ist das Zimmer einer jungen Frau geworden. Das macht mich melancholisch. Sie hat fast alles alleine gemacht, ich habe nur assistiert und gehalten. Wie die Zeit vergeht.

Und wofür macht man das? Für ein Danke (was sicher noch kommt 😉 ) und für ein Lachen wie dieses:

die beste Tochter von allendie beste Tochter von allen

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Mit ausdrücklicher Erlaubnis der besten Tochter von allen – danke Schatz.

Sie ist die beste Tochter von allen, egal wie sie sich anstellt.

16 Gedanken zu „Wandlung

  1. Wie wunderschön geschrieben. Ich erinner mich gerade an meine verschiedenen Mädchenphasen zurück. Ich glaube das muss ich bloggen … . Danke. 😉

  2. Oh je, wenn ich an meine Teenagerjahre zurückdenke… was war ich rastlos!
    Ich habe bestimmt jedes halbe Jahr umdekoriert und Möbelrücken gespielt. 😀
    Und mit meinem Bruder das Zimmer getauscht, mit meiner Mom das Arbeitszimmer; der ich dann in den letzten Jahren daheim die alten Gründerzeitmöbel abschwatzen konnte. Da war ich mächtig stolz drauf und ich dachte, die würde sie nie heraus rücken! Später erst gestand sie mir, dass sie diese Möbel nie richtig leiden konnte, weil sie ihr zu düster waren.
    Mit diesen Möbel wohne ich heute noch zusammen, ich liebe sie heiß und innig.
    Und die Rastlosigkeit… die hat sich erst mit ca. 30 Jahren gelegt. 😉

  3. An den Wandlungen der Kinderzimmer können wir erkennen (auch wir mit den besonderen Junioren), wie sich unsere Kinder langsam aber sicher zu Erwachsenen mausern…

    Ich wünsche euch (auch den Rest deiner Familie) eine wundervolle friedliche Adventszeit, piri

  4. Spannend wird es dann noch einmal, wenn sie ausziehen. Dann bleiben Dinge zurück, die keineswegs mit, aber auch keineswegs entsorgt werden sollen. So geschehen bei meinem Sohn. Er hat es nicht übers Herz gebracht, seine einzige Puppe (die seit Jahren den Schrank hüten musste) zu verschenken oder so. Mitnehmen wäre peinlich und so bleibt das Elternhaus als „Restmüllkippe“ für die emotionalen Gegenstände. Seine Maria wartet nun bei uns auf „Enkel“.
    Schönen ersten Restadvent!

  5. @Schildmaid
    In dem Alter bin ich in unsere Mansarde gezogen, habe mir ein paar Möbel gekauft und fortan für mich in Ruhe gehaust.

    @piri
    Du hast Recht. Mir ist gestern beim nacharbeiten (Schrauben nachziehen,..) in den Kopf gekommen, das dies wohl das letzte Zimmer sein wird, was ‚wir‘ zu Hause für sie bauen werden. ‚traurig*

    @tonari
    Ich mag jetzt gar nicht drüber nachdenken jetzt.

    @all
    Ist leider schon zu spät um die guten Wünsche den Restadvent betreffend erwidern zu können. Danke, es war ein entspannender Sonntag. Hoffentlich wie auch bei Euch.

  6. hach, schön geschrieben.. *erinnertemichanwas-DANKE PAPPA!* .. Aber auch wenn Sie irgendwann mal ausziehen sollte, in die ersten eigenen vier Wände, sei Dir sicher, auch da darfst Du bohren, bauen, basteln usw. 😉 Trotzdem ist es ein großer Schritt. Vllt. blog ich mal meinen ersten Schritt in die eigenen vier Wände, der war -zu Bedauern Vaters – lustig.

  7. oh das hast du fein beschrieben, ich werd ganz wehmütig beim lesen und ein Tränchen lockert sich auch gerade, mir steht das mit meiner Tochter noch bevor Gott sei Dank….im moment reicht mir das mein bester Allererstgeborener soweit weg wohnt.
    Das DAnke kommt schon noch, wenn auch nicht in Worten so in Taten, ein dicker Gute Nacht Kuss tuts sicherlich auch 😀

  8. @ri
    Das ich beizeiten wieder werkeln darf denke ich mir auch. Und doch wird es dann etwas ganz anderes sein. Nicht mehr hier zu Hause, sondern woanders. Wir komisch werden.

    @bonafilia
    Das „Danke“ kommt immer, irgendwann … Du hast Recht.

    @all
    merci für die Komplimente. 🙂

  9. Das klingt aber irgendwie nach einem sehr, sehr alten Ruediger. Und verdammt, wenn ich jetzt zurückblicke, gehts mit genauso. Wir bauen derzeit unser Dachgeschoß komplett um, damit unsere Herzenssöhne ihre eigenen Zimmer bekommen. Das gemeinsame, alte Kinderzimmer hat damit ausgedient.
    Womit mal wieder bewiesen wurde, dass man das Altern stets an den Kindern merkt.

  10. @tAXMAN
    Etwas alt komme ich mir schon immer wieder vor, gerade wenn man sieht wie die Kleinen zusehends flügger werden. Sie werden irgendwie zu schnell groß.

    Erinnerst Du nicht auch mit Wehmut daran, wie Du nach dem Baden mit dem/den Buben auf der Wickelkommode gespielt und getobt hast? Ich höre das glucksende Lachen immer noch. *hehe*

  11. Hach ja… Die Fütterakttionen mit Griesbrei *würg*, die übervollen Windeln, das Geschrei in der Nacht…
    Ich kann mich verdammt gut erinnern!

    Dann doch lieber in Würde altern und den lieben Kleinen beim Großwerden zuschauen.

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