Dentistenphobie

Silencer veröffentlichte gerade seine 3 Hände des Grauens und frug bei der Gelegenheit nach ähnlichen Erlebnissen. Dem will ich gerne nachkommen:

Wie auch er, hatte ich sehr lange Zeit wenig gute Gefühle beim Besuch bei Zahnärzten. Die Wurzel dieses Übels liegt lange in der Vergangenheit, bei einem Menschen Namens Dr.Veit (Name natürlich geändert). Jeder Termin wurde meinerseits grundsätzlich aufs maximalst vertret- und aushaltbare hinaus gezögert, in der Hoffnung ‚es‘ wird von alleine wieder gehen, weil es so auch so gekommen ist. Über Jahre hinweg begann meine Tortour genau auf den Punkt vor seiner Tür, wurde ich schweißnass im Nacken, bekam Probleme mit der Atmung, entwickelte Fluchtreflexe, wurde fahrig und hektisch.

Wir wohnten seinerzeit in Mainz, im sogenannten Grüngürtel in einer Bahn-Beamtenwohung. Am Rande dieses Wohngebiets gab es eine Reihe von kleinen zweistöckigen Reihenhäusern, in denen es einige Nachbarschaftsläden gab. Man konnte Getränke, Zeitungen, Brötchen an der Türe kaufen, wir hatten Küchenfriseure und natürlich gab es auch einen Zahnarzt.

Mich ereilte der traumatische Gang nach einem intensiven Baum-hoch-kletter-und-unfreiwillig-runterfall-Spiel auf der Wiese hinter unserem Mietshaus. Sonst spielten wir immer an den Teppischschlagstangen, aber es musst die große Birke sein. Dummerweise prallte ich aus niedriger Höhe den Kopf voran auf den trockenen Rasen, zum Teil mit dem Oberkörper abrollend, dennoch ausreichend herzhaft in die Wiese beißend. Die Vorderzähne mochten den Biss ins Grüne überhaupt nicht, Details dessen was das Ergebnis der Fallübung war, sei der Phantasie des Lesers vorbehalten.

Der plötzlich eisenhaltige Geschmack, der verzögert einsetzende Schmerz wird sein übriges getan haben. Zimperlich war ich in dem Alter wohl nicht, solange kein Blut floss, da ist es auch heute noch bei mir vorbei.

Nach einiger Zeit der Beruhigung war ich also fertig für den ersten Besuch beim Erwachsenen Zahnart Dr.Veit. Die Mutter schaffte mich also in sein Haus. Das Wartezimmer war schon komisch, denn es stand ein Herd darin und ein Schrank, ein paar Stühle, alte Zeitungen auf einem Tisch. Das sah aus wie unsere Küche, nur mehr Stühle. Eine ältere, grauhaarige aber freundlich drainblickende Frau mit quietschbuntem Haushaltkittel kümmerte sich, sichtbar erschrocken über meinen Anblick. Ich wollte mich partout nicht umziehen, jeder sollte vermutlich sehen was mir widerfahren ist. Eine Kindermacke von früher, wenn schon denn schon. Wir wurden mangels anderer Patienten sofort in ein Zimmer geführt, dort stand ein komischer Stuhl, viel Emaille, Stahl, Lampen, Chrom und eine alte Radiokommode. Ich sollte mich auf den Stuhl setzen, der Dr. käme gleich, sprachs und stand mit einem feuchten Handtuch vor mir, um mir mein Gesicht etwas zu reinigen. Der Schmerz war weg, es war ein riesiger Druck auf der Oberlippe, aber es tat nicht dolle weh. Ich sass also in dem alten Behandlungsstuhl und sie tupfte mein Gesicht sauber. Dabei rief sie laut, wo er denn nun bliebe und redete mir sanft zu.

Irgendwann sah ich dann den alten Mann ins Zimmer kommen, mit dicker Brille, hellem Perlonhemd, Strickjacke und schütteren weißem Haaren. Das Zimmer war mit schweren Möbeln bestückt, sein Gesicht kenne ich nicht mehr. Nur seine braunen, leicht vergrößerten Augen die mich kalt musterten, während es näher trat sehe ich noch. Vor mir stehend, raffte er seine braune Cordhose etwas, nahm langsam und seufzend neben mir auf einem metallenen Hocker Platz. Er bat die Frau zur Seite und legte die Hände mit einem klatschenden Geräusch auf seine Schenkel. Dann schaute er mir auffordernd auf den Mund: „Mach mal auf“, sein Ton war barsch und rau. Ich öffnete den Mund, „Kopf zurück“, der Kopf ging zurück, „weiter nach hinten“, der Kopf ging weiter nach hinten. Er schaut nur und sagte ohne den Blick abzuwenden zu meiner Mutter, „einer ist halb raus, der Rest steckt noch drinnen. Die Anderen links und rechts sind locker, daher auch das Blut.“ Dann zum Blick in meine Augen „Gut gemacht. Tut weh, was?“ Er verzog keine Miene und ging außer Hörweite, redet mit der Frau und meiner Mutter, ich war unsicher und wartete was nun passieren würde. Pflaster? Dann stand er in einem weißen Kittel wieder neben mir, die immer noch bunte Frau auf der anderen Seite, meine Mutter war aus meinem Sichtfeld. Er sprach mich an, dass er genau sehen muss was passiert ist und das er mir dazu an den Mund gehen wird. Ich fing das Wimmern an. Er würde mir eine Spritze gegen die Schmerzen geben, doch auch dafür müsse er mich anfassen. Das alles im kurzen und knappen Ton, barsch und rau, weitere Details sind mir nicht mehr im Gedächtnis.

Er sas dann plötzlich halb auf mir, lehnte sich über meine Beine, die eine Hand drücke mich am Brustkorb zurück in den Stuhl, die andere Hand ging in Richtung Kopf. Mein Mund detonierte, ich schrie vor Schreck oder Schmerz und versuchte mich aus dem Stuhl zu drücken. Er hielt mich fest, die Frau fasste mich an den Armen und drückte mich zurück in den Stuhl. Seine linke Hand wechselte von meinem Brustkorb nach oben und fixierte meinen Kopf, so dass ich mich gar nicht mehr bewegen konnte. Das ging alles so schnell, so dass ich nicht regieren konnte. Mit der anderen Hand schaffte er es irgendwie mir eine Spritze unter die Oberlippe zu drücken, 3-4-5 Mal ich sah nur die Hand und die Spritze, immer und immer wieder. Ich war starr vor Angst, bewegte mich nicht mehr, schrie und wimmerte. Er begann mit groben schnellen Bewegungen mir im Mund zu fummeln, metallisches Klappern, hektisches Gerede, Klappern, metallischer Geschmack. Der Schmerz wurde weniger und gleichzeitig mehr. Er arbeitete nur mit einer Hand, meinen Mund traute ich nicht zu bewegen, ob jetzt aus Angst das der Schmerz wiederkommt oder vor ihm, ich weiß es nicht mehr. Ich kann mich nur noch an meine Panik erinnern. Er wollte mir nur helfen, doch einem völlig verängstigten und verstörten Jungen ist das egal.

Dann weiß ich nichts mehr zusammenhängendes, nur wie ich wimmernd im Stuhl sass und vor lauter Angst vor diesem gemeinen Mann mich nicht traute zu rühren, starr vor Angst und Schmerzen, blind vor Tränen. Die Frau ließ mich nicht los und er arbeitet nur mit einer Hand, im Nachhinein eine unglaubliche Leistung. Irgendwann war es vorbei und ich erinnere mich, wie ich nach Hause getragen wurde. Der Rest des Tages ist Schleier.

Und doch erinnerte ich mich an seine Hand, die Spritze und die ganze Situation. Genug Stoff für lang anhaltende Alpträume, die letztlich in den zu anfangs erwähnten Gemütsänderungen mündeten. Ich musste quasi mit Gewalt zu ihn gebracht werden, er war nie freundlich zu mir, er nutzte meine Angst vor ihm gnadenlos aus, ich schlotterte regelrecht in seiner Gegenwart vor Angst. Nie ging ich alleine an seinem Haus vorbei und machte lieber einen Umweg.

Ich schaue heute noch jedem Zahnarzt auf die Hände und bin überzeugt, ich sehe dabei nicht glücklich aus. 🙂

14 Gedanken zu „Dentistenphobie

  1. Oh, Gottes Zorn!

    Ich wünsche Dir, dass Du heute Nacht trotz der Erinnerung gut schlafen kannst.
    Und träum bitte was Schönes, ja?

  2. .. und genau solche Erlebnisse (zum Glück nicht nicht ganz so brutal) haben mich bis heute (40) einen ganzen Zahn und zwei Kronen gekostet. Ich gehe erst seit 10 Jahren angstfrei zum Zahnarzt…
    Schrecklich..

  3. *grusel* Hör mich auf mit Zahnärzten! Ich kann gar nicht verstehen, wie man einen Beruf erlernt, wo man seine Mitmenschen dermaßen quälen muss …

  4. @Schildmaid
    Die Zeiten in denen ich deswegen schlecht schlief sind vorbei. Danke für den guten Traumwunsch, hat gewirkt. 😉

    @CohnStructa
    So richtig Angstfrei bin ich immer noch nicht, es muss halt. Auf der anderen Seite, was hätte er damals anders machen sollen, Vollnarkose?

    @Andrea
    Das sind eine besonderer Menschenschlag, da hast Du Recht.

  5. Oha.. Zahnärzte sind wirklich ein merkwürdiger Schlag Mensch ;).
    Als Kind hatte ich einen hervorragenden Zahnarzt, hatte nur den kleinen Makel, dass es gar kein promovierter Zahnarzt war. Der durfte überhaupt nichts, höchstens nach anne Uni sitzen und weiterstudieren.
    Danach fing meine Karriere bei einer der beliebtesten Kieferorthopäden an…. die hat wirklich alles versaut, was man nur versauen konnte. Ergo sieben Jahre kein Zahnarzt mehr gesehen. Mittlerweile geh ich gerne zum Zahnarzt. Hab einen total netten gefunden, der natürlich auch ganz speziell ist 😉

    Aber wer hat keine Probleme mit dem Monteuer de la Fress?

  6. Boah, und schreiben kann ich auch nicht… aaaahhh… ich glaub das wird ein toller Tag 😉

  7. Ich hatte so ein ähnliches Erlebnis beim ersten Zahnarztbesuch. Der Kerl war fett, stank nach Weinbrand und hatte riesige Hände. Auf dem Schrank standen Modelle von Zangen und Spitzen in riesen groß. Ich weiß nur noch, dass ich vor Schreck den Mund gar nicht mehr aufgemacht habe und wenn der Kerl mir zu nahe kam habe ich geschrien wie am Spieß, bis meine Mutter eine Zahnärztin gesucht hat. Bei der war alles locker und gar nicht schlimm. Von der habe ich mir sogar freiwillig vier Zähne ziehen lassen ohne zu heulen und da war ich erst 10!

  8. Woah, was für ein Horror. Jetzt weiß ich auch, was Du meintest: Manche Darstellungen werden zu plastisch.
    Was mich wundert: Du hast vor einiger Zeit ein Video gepostet, in dem ein junger Mann mit seiner Kauleiste und voller Wucht in den Strand beisst. Da taten mir schon beim Ansehen die Zähne weh. Gar kein Mitgefühl für jemanden in einer so ähnlichen Situation? 😉

  9. Mitgefühl und mediale Schadenfreude müssen sich nicht ausschließen. 🙂 Er war alt genug, mit einem Kind als Akteur hätte ich sicher das Video nicht eingestellt. Es hat seinerzeit sicher wieder etwas aufgewärmt, aber letztlich bin ich weitestgehend drüber weg. Das Alter muss doch irgendwann zu etwas gut sein. 😉

  10. Uah Rüdiger, das ist ja schrecklich. Ich gehe auch nicht gerne zum Zahnarzt, weil ich beim Anblick der Paradontose und sonstige Bilder im Wartezimmer immer automatisch davon ausgehe, dass ich all das habe. Bisher ist nie was wirklich schlimmes passiert, aber deine Schilderungen sind der Wahnsinn.

  11. … beim Lesen streckten sich meine Armhäarchen in die Höh´ – boahh!!! Ich stelle mir gerade vor, wie wir die Lesung Deiner Zahnerlebnisse vertonen könnten; Edgar Wallace wäre dagegen ein Gruselmärchen für Einsteiger…
    Ich wünsche Dir, dass Du weiterhin mit Biss und Humor jede Nuss knacken kannst!!!

  12. Beim Zahnarzt mache ich nur die Augen zu. Ich sehe ihn bei der Begrüßung und bei der Verabschiedung an. Zwischendrin schließe ich meine Augen und bete, dass er bald fertig ist und es nicht weh tut. 😳

  13. @semmy
    Das ist reichlich Jahre her, heute würde man so etwas völlig anders angehen und das Kind vermutlich betäuben.

    @Karin
    *lol* Nüsse knacke ich am liebsten… mit der Zange. Nur kein Risiko. 😉

    @Frau W.
    Ich kann keine Doktor aus den Augen lassen, ich muss genau sehen was sie/er macht und wie sie/er schaut bei dem was sie/er macht.

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