Die Sache mit dem Sauerkraut

Aberglaube ist ein falscher Glaube. Wo immer ich diesen Spruch aufgeschnappt haben mag, für mich gilt er. Es soll weder respektlos oder geringschätzig sein, Realist wie ich bin halte rein gar nichts von derartigem Glauben, ebenso wenig wie ich mit Esoterik und allem anderen was in dem Dunstkreis herum wabert etwas anfangen kann. Warum Aberglaube und Esoterik für mich so häufig nebeneinander auftreten, kann ich mir nicht erklären. Wie auch immer, jeder soll tun was er mag, nur bleibt mir weg damit, ich bin nicht Mitglied der richtigen Zielgruppe. *no flame pls*

Seit ich sie kenne, die Gattin den Aberglauben an Neujahr unbedingt Sauerkraut essen zu müssen. Das soll Glück fürs kommende Jahr bedeuten und Geldnöte verhindern. Soweit ist das ja beileibe nicht schlimmes, doch sind die beste Tochter von allen und ich flammende Mitglieder der „wer-zum-Teufel-musste-das-Sauerkaut-überhaupt-erfinden“ Liga, weil wir beide dieses urdeutsche Gemüse nicht ausstehen können. Wir hassen es von ganzem Herzen, finden es widerlich und abstoßend. Die Gattin liebt es indes umso mehr. Der familiäre Konflikt ist demzufolge schon einige Tage vor dem Jahreswechsel greifbar. Wir (also die Tochter und ich) beharren wir wie jedes Jahr drauf, dieses Kraut nur unter Aufbietung stärksten Willens verzehren zu können, es gibt so viele leckere Gemüse die man schließlich auch schmackhaft zubereiten könne. Die Gattin ignoriert diese geäußerten Widerwillen lapidar mit einem stetig wiederkehrenden „An Neujahr gibt es Sauerkraut. Basta!“ Nun sag mal was dagegen, wenn in diese entschlossenen Augen blickt. Ich mach es jedenfalls nicht. Die beste Tochter von allen ist mittlerweile auch wieder gescheit genug, den wortlos übermittelten väterlichen Warnungen zu folgen und sich still zu fügen. Muss ich ja auch.

Als kleines Kind hatte sie noch Welpenschutz, mir wurde passender Vaterschutz verweigert. Diverse Versuche mittels einer Einkaufsbehinderung (aka. ich gehe schon) die Gattin an der Beschaffung des ungeliebten Krautes zu hindern, verliefen allesamt erfolglos. Irgendwie beschafft sie sich das Zeugs dennoch, um es uns vorzusetzen, zusammen mit lecker Rippchen und Kartoffelpüree. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt das Widerstand zwecklos ist, die Gattin ist felsenfest davon überzeugt und bereit ggf. auch verbal gewaltig auf die Durchsetzung dieser Sitte zu bestehen. Doch anstatt die Tochter und ich gemeinsam da durch gehen, versucht sie in den letzten drei Jahren durch außerhäusliches Feiern mit anschließendem überlangen Fernbleiben sich zu entziehen. Es hilft nicht, ihre Portion wird aufgehoben. *hehe*

Zumindest eines haben wir mit einer gewissen Vehemenz dann doch durchgesetzt: Wir dürfen uns selbst auflegen. So zumindest stellen wir sicher, dass die Krautportion in einem erträglich Mass auf unseren Tellern landen, und das lecker Püree und die Rippchen nicht verhunzen. Das erträgliche Mass der 10.Teil der nutzbaren Fläche einer durchschnittlichen mitteleuropäischen Kuchengabel. Auf dem Teller dann wird diese erträgliche Portion mit viel Püree vermischt und zu Beginn des Mahls flugs mit einem beherzten Haps vom Teller entfernt, direkt danach wird reichlich Flüssigkeit zu sich genommen – geschafft. Die beste Tochter und ich leiden zeitlich getrennt voneinander dennoch gemeinsam, tauschen mitleidige Blicke während Gattin froh ist, die Weichen fürs neue Jahr gestellt zu haben.

Der Spaß geht aber weiter. Natürlich ist die Industrie nicht darauf vorbereitet derart geringe Mengen anzubieten, demzufolge bleibt von dem Schlemmerkraut was übrig. Das wird wie in vielen Küchen in eine Schale verbracht, mittels Folie oder einem Teller abgedeckt und im Kühlschrank ‚verwahrt‘. Einen Tag später kommt dann die Frage, ob wir mit dem übrig geblieben Kraut nicht noch was machen wollen. Mein Vorschlag Dachauflagen zu backen, oder die Bio-Tonnen-Tierchen damit zu füttern treffen erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe, weil „Gestern habt ihr es ja auch gegessen. Nun stellt euch nicht so an.“ *argh* Die Tochter als auch ich beginnen eine spontan vegetarische Kurzdiät.

Heute war der Tag, der Rest des Krauts ist in der Tonne. Wir haben die nächsten 360 Tage wieder unsere Ruhe.

16 Gedanken zu „Die Sache mit dem Sauerkraut

  1. Ich hatte eigentlich auch immer ein Ritual für den 31. Dezember parat: Bleigießen. Dieses Jahr war das erste Jahr, wo es mir nicht gelungen/erlaubt war, etwas Blei für mein Glück schmilzen zu lassen. Und soll ich dir/euch was sagen? Mir geht es trotzdem blendend! Vielleicht ereilt mich dieses Jahr viel Unglück. Aber davon gehe ich nicht aus, da das alles etwas mit Wahrnehmung zu tun hat. Und meine Wahrnehmung ist nur auf das Positive aufgerichtet. Vielleicht wäre das auch mal was für deine Frau?! #wahrnehmungsausrichtung

  2. Also ich mag Sauerkraut auch. Und es schmeckt erst richtig, wenns schon ein paar Mal warm gemacht wurde. Aber als Neujahrsbrauch und um die Finanzbilanz zu schönen, ist es mir unbekannt. Hm. Hätte mir eher eine reinigende Wirkung vorstellen können… Marke: Hausputz.

  3. Ich fühle mit Dir und der besten Tochter. Sauerkraut ist das Allerschlimmste, was mit einem Gemüse verbrochen werden kann! Pfuibähundigittigitt! Und kotzwürgbrech, aber so was von! 👿

    Könnt Ihr einen Kompromiss schließen? Es gibt ein totes Tier, Stampfkartoffeln… für die Göttergattin Sauerkraut und für Euch Beide Weißkrautsalat? Dabei handelt es sich schließlich um den gleichen Kohl. Das müsste die Karmapunkte doch retten, oder? 😉

  4. Mit Esoterik und Aberglauben bin ich auch nicht per du, auch wenn meine Schwester und ich aus Spaß und Witz jedes Jahr zu Neujahr einen „Veränderungswürfel“ zum Rollen bringen. In diesem Jahr rührte der Spaß ein wenig am Ernst. Mein Fazit: Ich rühre diesen Humbuk-Würfel nicht mehr an!?!..

    Offengestanden, Sauerkraut ist mir auch ein Graus, brrr. Ich kann dieses durch alle Wände, Ritzen und Knopflöcher riechende Kraut nur versetzt mit Ananaswürfeln ertragen! Au weia, jetzt denke ich schon wieder an Würfel…

  5. @tonari
    ne, lass mal. ist schon gut….

    @Schildmaid
    Endlich …… eine Leidensgenossin…. danke. 🙂 Sie besteht darauf, Abgerglaube halt. 🙂

    @FrauÄhrenwort
    *bäh* 🙂

    @FrauÄhrenwort & Schildmaid
    Erneut sry für Akismet, soweit ich ermitteln konnte ist das ein Bug in WP2.7.

    @Karin
    Mir hilft das Vermengen mit Püree und Senf. Eine leckere Ananas damit zu verunzieren mag ich nicht.

  6. Sauerkraut, Rotkohl oder Wirsing gibt es seit Herzeblatt nicht mehr, der würde sich auch noch weigern am gleichen Tisch mit mir zu essen. Daher bin ich immer auf die wohlgesinnte Spende meiner Arbeitskollegin angewiesen, die mir meistens immer ein kleines Übrigbleibsel von ihren Futterorgien mitbringt. 😉 Und ehrlich gesagt, mittlerweile vermiß ich es nicht mehr.
    Zum Glück sind Geschmäcker verschieden 🙂

  7. Also ich mag auch Sauerkraut, so an Neujahr das wäre ein respektabler Durchschnitt für das gesamte Jahr! Sollte ich einführen 😀
    Rotkohl dagegen mag ich lieber, aber nur im Winter!

    Allerdings finde ich es bemerkenswert wie konsequent sich dein Frauchen so hält…TOLL! Ich denke da müsst ihr Zwei durch!

    Alles Liebe Bonafilia

  8. Eure Umgehungsstrategie mit der vermischten Kuchengabel am Anfang des Essens (am besten ohne zu kauen runterschlucken) ist anscheinend noch nicht ganz ausgereift. 😀
    Zum Glück kenne ich das Ritual nicht.
    Denkt Euch doch auch einfach was aus wie „dabei laut das Vater unser singen“ oder „mit Füßen auf dem Tisch essen“, damit auch wirklich, wirklich 2009 nichts anbrennt. Vielleicht hilft das. (Apropos: „Anbrennen lassen“ wäre doch auch eine Möglichkeit…)
    Schöne 360 Tage noch!

  9. @bonafilia
    Wo sie es ernst meint meint sie es ernst. *öhm* 😉

    @donkys freund
    Von ausgereift kann tatsächlich keine Rede sein, das ist schon eher ein sich arrangieren nach der Kapitulation. Zu akustischen ‚Überspungshandlungen‘ sind im Sinne einer Beibehaltung der körperlichen Unversehrtheit der Gattin weder die Tochter noch meine Wenigkeit bereit, aber lasziv störende Ersatzhandlungen wäre für 2010 eine Idee. Sie schlicht nur an der Zubereitung zu hindern wurde 2005 erfolglos praktiziert. Sie ist mit allen Wassern gewaschen. 😉

  10. Lol, wie meine Mutter. Die hat mir in meinen Kindertagen total oft das GESUNDE Sauerkraut serviert. Sogar auf ein Wurstbrot hat sie es mir roh hinaufgelegt. Ich fühle mich euch…. 😉

  11. Ich mag Sauerkraut und ich ess das richtig gerne. Ich hätte also gar nix dagegen so einen Brauch auch bei uns zuhause einzuführen, eher aber weil es lecker schmeckt als aus Aberglauben.
    Aber eins kann ich dir sagen. Ich habe mal für ein paar Jahre als Aushilfe in einem Reformhaus gearbeitet, wo man ja schon allerhand Düften ausgesetzt ist, die man nicht unbedingt schätzt. Wenn dann aber jemand kurz nach 8 Uhr morgens nach 200g fassfrischem Sauerkraut verlangt, kann es dir auch als Liebhaber richtig übel ergehen. 😀

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