Drogenreise

Aufgrund des intensiven letztjährlichen Lauftrainings und auch wegen meiner sonst recht guten Verfassung *protz*, wähnte ich mich dieses Jahr in der Sicherheit eigentlich keine Erkältung mehr einzufangen. Es ist meine Überzeugung, dass es hätte auch gut gehen können, wären anfangs der Woche nicht die 30 Minuten Wartezimmer beim Hausarzt gewesen. Die Mädels zu Hause, die Rotznasen im Büro oder draußen in der Welt haben mir bis dato nichts anhaben können, aber diese 30 Minuten mit der massiven Ansammlung von hustenden und niesenden Menschen in einem Raum waren wohl doch zuviel.

Den Donnerstag über schaukelte es sich fast schon erwartungsgemäß stündlich in die Höhe (Nase zu, steigender Nastentücherverbrauch, Husten, Stimmkippen…) wie auch die lieben Kollegen feststellten, am Abend zu Hause gab es den Showdown. Alles halb so wild, ist ja nur eine Erkältung. Wäre da nicht der morgige Ganztagstermin in Krefeld, den ich vor einigen Tage vorbereitet hatte. Noch schnell absagen? Es ist ja nur eine Erkältung und dennoch war ich mir nicht sicher. Die warten auf mich und es muss auch leider sein, es ist einfach zu wichtig. Da muss ich durch, der dahinter stehende Sachzwang ist zu massiv, Ersatz nicht verfügbar.

Die Nacht auf Freitag war keine Zeit zum schlafen, der Nachschub an Nastentüchern durfte nicht gestoppt werden. Die Gattin hat es gut verkraftet, sie schläft wie ein Stein, ich indes hatte meine Mühe mich zu sortieren. Es ist mir jedes Mal ein neues Rätsel, wo diese Unmengen an Sekret herkommen oder erzeugt werden. Die im Vorgriff noch eiligst aufgesuchte Apotheke gab mir einiges an Helferlein für den kommenden Tag mit, die dann am Freitag Morgen um 5Uhr auch alle Verwendung fanden. Da an Schlaf nicht zu denken war, war ich sowieso wach. Die Beipackzettel der Helferlein las ich wohlweislich ausnahmsweise nicht.

Die Helferlein zeigen Wirkung, der Wattehelm lies genug Öffnungen um soweit alles um mich herum mitzubekommen und verfolgen zu können. Um 06.29 Uhr mit dem ICE von Wiesbaden nach Köln, dann nach Krefeld. Im ICE hätten wir sicher mit etwas Mühe eine Rommé -Runde hinbekommen, so ‚voll‘ war es dort. Kann mir jemand die Strategie erklären, warum zu Hauptverkehrszeiten auf Hauptverkehrsstrecken häufig Züge mit deutlich zu wenig Wagons unterwegs sind und z.B. hier ein riesiger Privat-ICE rollt? Wer oder was zur Hölle macht die Disposition bei denen, Goofy?

Um 9.00 Uhr kurz vor Krefeld dann zur Sicherheit die Helferlein verstärkt und rein ins Meeting. Mein Mundschutz sorgte anfangs noch für ein paar Irritationen, die ersten Worte mit näselnder Stimme lösten diese schnell auf. Alles in allem ging es prächtig, der Tag verlief wie am Schnürchen, die Gastgeber erwiesen sich auch als Solche. Sie zeigten neben glaubhafter Anteilnahme auch Verständnis und machten mir die Sache sehr einfach. Zwischendurch wurde immer wieder unauffällig der Helferleinpegel nachgefüllt, bis es endlich geschafft war. Abfahrt um 15.42 Uhr, btw. Krefelder Taxifahrer sind echt witzige Leute, also im positiven Sinne. Es gibt sehr sympathische Menschen dort.

Von Krefeld nach Duisburg lies ich das Erlebte und Erfahrene grob Revue passieren, doch der Wattehelm machte langsam dicht. Das eigentlich vorgenommene stichpunktartige Tagesprotokoll konnte ich vergessen, die Helferlein waren auch alle. Kaum saß ich in Duisburg im Sitz, merkte ich schon wie sich meine Beine bleiernd abmeldeten. Mir ist noch gegenwärtig, wie der Zug aus Duisburg raus gefahren ist, ab dann ist Rauschen. Mich hat es bequem sitzend, meinen Rucksack auf dem Schoss dermaßen gebeutelt, dass ich einfach eingeschlafen bin. *Sendepause*

Etwas tippt mich an der Schulter. Die Augen nur mit Mühe öffnend, sah ich neben mir eine etwas ältere Frau, die wohl die ganze Zeit schon da saß. „Ihre Reservierung läuft ja nur bis Mainz und wir sind gleich da. Müssen Sie hier vielleicht raus“? Diese Frau schickt mir der Himmel. „OMG ja, ich will ganz bestimmt nicht nach Stuttgart.“ Die Schrecksekunde mit Ausschüttung von unglaublichen Mengen an Adrenalin genügten um mich wieder auf Touren zu bringen. Ich konnte ihr gar nicht genug danken, sie nickte nur freundlich lächelnd und schickte mich sobald als möglich ins heimische Bett. So richtig gut sähe ich nicht aus, die spiegelnden Zugfenster gaben ihr deutlich Recht. Bis nach Hause ging es dann gut, noch ein kurzer Smalltalk mit der Gattin und da lag ich dann auch wieder.

Der heutige Tag passt einigermaßen. Mein Schädel kommt zwar kaum durch die Türrahmen, aber ich bin einigermaßen wach und es geht langsam wieder aufwärts. Was hätte ich wohl gemacht, wäre diese nette alte Dame nicht so aufmerksam gewesen? Gerne hätte ich mich etwas aufmerksamer bei Ihr bedankt. Ich fürchte diese Räuberaktion als solche werde ich zusätzlich zu der Erkältung noch ein paar Tage in den Knochen haben. Aber es hat sich gelohnt, das ist mit einer der Hauptsachen.

11 Gedanken zu „Drogenreise

  1. So gings mir vor einer Woche. Jetzt bin ich einigermaßen wieder fitt, dafür schwächelt die bessere Hälfte.
    Also: Gute Besserung für Dich und weil man in solchen Fällen immer viel trinken soll, stell ich dir virtuell mal eine heiße Zitrone hin.

  2. Armer Rüdiger 🙁
    Das Schlimmst hast aber sicher hinter dir.
    Gegen das Brennen zwischen Nase ( die wird auch seitlich wund sein) hilft sehr gut Zinksalbe, wie ich aus eigenen Erfahrungen weiß!
    Lach nicht (oder doch, ist ja gesund), die von weleda, deklariert als Kinderwundschutz(po)salbe, ist die Beste, weil frei von Paraffin;-)
    Gute Besserung,
    ich lese dich ansonsten, aber gerne im RSS und denke, ich könnte vielleicht helfen.

  3. @gabriele
    Dann herzlich willkommen als Kommentatorin auf thatblog 🙂

    Ich lache ganz bestimmt nicht, ich freu mich über Deine Ratschläge. Mangels Möglichkeiten versuche es grade mit Bachblütensalbe. Wenn das auch nicht geht, versuche es morgen mit einer von Deinen Empfehlungen. #notapotheke Vielen lieben Dank.

    btw ich nutze immer noch gerne Kaufmanns Kindercreme (wenn die beste Tochter von allen sie nicht wieder versteckt hat), wenn meine Hände gar zu rissig werden. 😉

  4. Armer Rüdiger! Ich fühle mit Dir!
    Ich weiß nicht, warum das so ist, aber meistens bekommt man bei Erkältungen wenig Mitleid. Vielleicht, weil sie einfach jeder mal bekommt.
    Fest steht (und daran ist nicht zu rütteln): 3 Tage kommt sie, 3 Tage bleibt sie und 3 Tage geht sie. Erst nach 9 Tagen ist alles (zumindest das Schlimmste) vorbei, das muss man einfach durchstehen.
    Ich kann übrigens Bepanthen-Salbe empfehlen…

  5. @Nachteule
    Mitleid wird recht schnell missverstanden, daher wohl auch sparsam verteilt. 🙂 In der 3 Tage Regel verbleibend, müsste es ab Montag besser gegen. Toll, eine sehr arbeitgeberfreundliche Gestaltung der Kranktage. *hmpf* Abwarten und schauen was morgen passiert.

  6. Hehe, ging mir vorletzte Woche exakt genauso. Donnerstag erste Anzeichen und Freitag dann noch mit Fieber ins Büro.
    Hast du beim Meeting echt ’nen Mundschutz getragen? Das hat Stil! Und das meine ich nicht ironisch sondern ganz, ganz ehrlich.

  7. @silencer
    merci.

    @tAXMAN
    Japp, ich mach das. Sah bescheuert aus, aber hinterlässt sonst einen miesen Eindruck. Die Dinger sind aus relativ niesfestem Flies im 6er Pack für 4,95€ in der Apotheke. Scheint auch geholfen zu haben, keiner der Gastgeber klagt bisher. Wenn die Inkubationszeit von 3 Tagen stimmt, sind sie wohl drüber. *puh*

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