Stressmacher

Meiner Auffassung nach sind für eine Vielzahl der deutschen Autofahrerinnen und Fahrer die eigenen Fahrzeuge, sowie die der anderen Verkehrsteilnehmer nur Selbstfahrwaffen mit integrierter Knautschzone.

  • Montag
    Ein Audi A6 Combi (was sonst) setzt Lichthupen wie wahnsinnig, nur das auch ja alle anderen Verkehrsteilnehmer vor ihm Platz machen, weil 1.fährt er Audi, 2. kann er wirklich schnell fahren. Schlittchen und ich fahren auf der mittleren Spur. Auf der langen Geraden in Richtung Wiesbadener Kreuz im Rückspiegel sehe ich immer wieder sein Licht aufflackern. Hektisch drängelt er die Wagen vor ihm, einige machen auch Platz, andere wiederum nicht. In den Fall zerrt er brutal den Audi auf die mittlere Spur und überholt dann rechts. Wer oder was zu dem Zeitpunkt in seiner Nähe ist, scheint ihm völlig wurscht, sollen doch die Anderen aufpassen, er hat schließlich Audi. Kurz nach dem Wiesbadener Kreuz hat er links plötzlich freie Fahrt und gibt auch sofort mächtig Gas. Im vorbeizischen sehe ich sogar noch den Kindersitz, ich selbst bin wieder auf der rechten Spur. Ca. 300 Meter weiter vorne sehe ich wie der Audi plötzlich eine Vollbremsung hinlegt und im Bremsen quer über alle drei Fahrbahnen, rechts auf die Ausfahrt Wallau zur Ikea zuschießt. Vor mir qualmt und raucht es, weil einige Wagen diesen Querschläger durch eigene Bremsmanöver erfolgreich ausweichen, Glück gehabt. Der Audi fährt in die Ausfahrt. (<= klick)
  • Donnerstag
    Autobahnauffahrten dienen dazu, die eigene Geschwindigkeit dem laufenden Verkehr soweit anzupassen, dass das Einfädeln leichter und gefahrloser von statten geht. Die A66 von und nach Frankfurt ist mir in insgesamt 15 Jahren Pendlerschicksal schon recht vertraut. An manchen Auffahrten muss man unabhängig der Situation immer rein zur Sicherheit auf die mittlere Spur wechseln. Dieses Mal ging es wegen eines LKWs nicht und passe deswegen genau auf, was rechts auf der Auffahrt fährt. Ein weißer Lancia ‚trottet‘ träge auf dem Beschleunigungsstreifen und ist schon fast am Ende des Streifens. Doch von sichtbarem Gas geben scheint der Wagen weit entfernt. Ich schätze mal so 60-70 km/h, wir hingegen sind mit ca. 100km/h unterwegs.  Da seine Spur zu Ende ist, bremse ich um die Lücke zum Vordermann zu vergrößern. Es reicht dennoch jetzt schon nicht mehr, der Lancia muss auf dem Standstreifen weiter fahren. Er bremst stattdessen und zieht volle Kanne nach links, wohl nur um den Standstreifen nicht befahren zu müssen. Es zwingt mich zur Vollbremsung im Zuge deren ich dann nach rechts auf ’seine‘ Standspur ziehe und dort weiter fahre. Kurz Gas gegeben und ich war wieder vor ihm eingeschwert. Nichts passiert. (<= klick)
  • Freitag
    Schlittchen und ich fahren gemütlich mit 110km/h auf der mittleren Spur zwischen Zeilsheim und Höchst. Wegen der dortigen Auf- und Ausfahrt war ich wieder eine Zeit lang auf der mittleren Spur, vielleicht auch zu lange, ich bin mir dessen nicht wirklich bewusst. Plötzlich schießt ein roter Punto rechts an mir vorbei, schert ca. 3 Meter vor uns ein und fuchtelt wild mit dem rechten Arm im Auto herum. Offensichtlich ist die Person sehr erregt. Seine Zeichensprache interpretiere ich, dass die Person der Meinung ist, ich sei zu lange in der Mitte gefahren und dies nun missbilligend zur Äußerung bringt. Das mag wie oben zugegeben durchaus sein, berechtigt ihn aber nicht uns derart zu schneiden, dass ich fast reflexartig nach links gezogen wäre, was wiederum die Fahrzeuge hinter mir sicherlich wenig erfreut hätte. Ich gebe ihm durch eine obszöne Geste zu verstehen, dass mir sein Gefuchtel im Moment ziemlich egal ist, konzentriere mich wieder auf den Verkehr und auf

    [youtube]xsC0D8W5Nfk[/youtube]

    [Emily King – Moon]

    [falls Youtube wieder zickt => klick]

    Üblicherweise ist eine solche Angelegenheit kaum geschehen auch gleich wieder vergessen. Doch der Punto bleibt strikt vor mir, die Person fuchelt immer weiter und wie mir scheint auch wilder. Zur Sicherheit bremse ich etwas ab, um den Abstand zu vergrößern. Falls die Person es nicht gesehen haben sollte, wiederhole ich die Geste und halte sie ein paar Sekunden aufrecht, so rein zum besseren Verständnis und fahre recht entspannt weiter. Das Spielchen geht noch ein paar Sekunden so weiter, ich muss lachen, das Gefuchtle bleibt. So ein Spinner, so eine Aufregung um eigentlich nichts mehr. Schlittchen und ich passieren fahren längst schon wieder rechts. Der Punto fuchelt immer noch, beantwortet von meiner Geste (mir beginnt das Spaß zu machen, wie Ping-Pong, erst Punto, dann ich, dann Punto, dann ich). Der Punto gibt dann irgendwann Gas und fährt vorne weg, fuchteln inklusive.  (<= klick)

    Im Nachhinein hätte ich das gestenweise Beantworten der Fuchteleien lassen müssen, führt doch zu nichts. Normalerweise reagiere ich auf  ‚Provokationen‘ kaum bis gar nicht, warum also heute? Ein wenig Respekt und Anerkennung des Anderen muss doch für jeden möglich sein. Eigentlich versuche ich schon mit gutem Beispiel voran zu gehen, dieses Mal habe ich mich jedoch genauso dumm verhalten wie die Leute, die ich eben wegen ihres Verhaltens im Straßenverkehr missbillige. Ich kauf mir eine gehäkelte Klorolle und einen Hut, dann habe ich zukünftig eine gute Ausrede, falls mir das noch einmal passieren sollte.

    @Person im Punto
    Sie werden es nie lesen und dennoch: Bitte verzeihen Sie mir die gänzlich unnötige Provokation mittels der obszönen Geste von heute morgen.

6 Gedanken zu „Stressmacher

  1. Nee, lass das mal mit der Klorolle. Aber einen Hut solltest Du Dir kaufen. Einen schicken Fedora zum Beispiel.
    Ich finde, Männer mit Hut sehen gut aus. Jawohl. Aber stilvoll muss es sein. Eben ein Fedora. 😎

    Mensch, Rüdiger, Dir passieren aber auch immer Sachen im Straßenverkehr! Bin ich froh, dass Du so gut auf Dich aufpasst! 🙂

  2. Ok, die Klorolle war nur Spaß. Sieht auch doof aus, wenn die neben dem Lemming (click) stehen würde. 😀

    Ein Fedora sieht für alleine schon klasse aus, auf meinem Kopf verliert jeder Hut seine jedwede Wirkung, passt leider nicht. Obwohl ich das zu bestimmten Zeiten schon schick finde, so ein Hut. Hab ich das gerade wirklich gesagt? 😮 Die A66 ist ein Zoo. Wenn wir ein Waffengesetz wie in Texas hätten, ich bin sicher es gäbe mehrmals in der Woche offene Feuergefechte.

  3. Idioten gibt´s…

    Ich habe hier übrigens mal versucht, in einem Traditions-Huthaus einen Fedora zu kaufen. Kannte dort niemand. Hier heisst die Hutform Trilby.

  4. @Silencer
    Straßenverkehr halt.

    Alte Traditionsgeschäfte haben es mir angetan. Sie haben nur eine Produktreihe, aber die können sie aus dem Effeff. Soweit ich mich erinnere, hat es in Wiesbaden sogar noch ein echtes Hutgeschäft. *grübel* // Am Eingang zur Mainzer Altstadt, aus Sicht des Domes gibt es gar noch ein 75(?) Jahre altes Fachgeschäft nur für Regenschirme. Irre was man dort für Regenschirme bekommt.

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