verschüttet

vor kurzem
Die Gattin ruft im Büro an, was an sich schon eher selten passiert und wenn doch ‚brennt‘ es meist. Es klingelt also, ich sehe die Nummer, wappne mich und setze mich doch entspannt hin. Sie, besser die Elektriker im Haus, bräuchten dringend Hilfe bei der Reparatur eines Warmwasserspeichers. *puh*

Rückblick
Lange Jahre arbeitete ich in einem Wiesbadener Handwerksbetrieb als Disponent und stellv. Kundendienstleiter. Wir besorgten die Gewerke Gas-Wasser-Heizung, sowie den Kundendienst für Stiebel Eltron Warmwasser- und Heizungsgeräte. In den 15 Jahren die ich dort war sammelte ich reichlich Wissen über die vielen unterschiedlichen Geräte, Einsatzmöglichkeiten,Technik, Ersatzteile, Kosten, Reparaturmöglichkeiten usw. Ich lernte mit Kunden umzugehen, zu verkaufen, zu beraten und und und.

Das Unternehmen gab es schon sehr lange, ein richtiger Traditionsbetrieb im wörtlichen Sinne. Der Chef und Eigentümer war ein Mensch, der mir auch heute noch sehr am Herzen liegt. Er hat mir damals seine Hand hingehalten die ich brauchte, um wieder aufstehen zu können. Ein Mann so schrullig und so liebenswert. Auch wenn er uns alle immer wieder und sicher auch gerne mit seinen Schrulligkeiten in den Wahnsinn trieb, er blieb stets ein feiner, aufrichtiger und toller Mensch. Er brachte mir viel vom dem bei, wovon ich auch heute noch zehre, was auch heute noch Bestand hat und wichtig für mich ist. Dort traf ich im übrigen auch die Gattin und heiratete sie fast vom Fleck weg. Er fand es toll.

Leider starb er viel zu früh. Alle die wir damals im Büro waren als seine Tochter anrief standen für Minuten stumm ums Telefon herum. Keiner sagte etwas, keiner konnte etwas sagen, keiner machte etwas. Sie erzählte über Lautsprecher, dass er morgens auf seiner Terrasse sitzend einschlief. Das Letzte was er wohl sah, muss der Sonnenaufgang über Wiesbaden gewesen sein. Wir weinten alle erst auf seiner Beerdigung. Der erst kurz zuvor eingestellte neue Betriebsleiter konnte wollte mit mir nicht und so trennten sich unsere Wege auf sehr rüde Weise. Der letzte Tag dort war mit einer der schlimmsten Tage, die ich erleben musste. Aber immerhin hatte ich die Gattin bei mir. Der eindeutig bessere Tausch.

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Die Elektriker kam also nicht mit der Reparatur des Speichers zurecht. Zu meinem Erstaunen und Überraschung sagte die Gattin nur das Model, sowie das Baujahr und plötzlich war alles wieder da. Nach ein paar Fragen und Beschreibungen war der Fehler fix lokalisiert. Ich gab ihr die zu bestellenden Ersatzteilnummern, die ca.Preise, ein paar zusätzliche Einbauhinweise. Als wenn die letzten 10 Jahre in einer diesbezüglich ‚gewerkfremden‘ Umgebung nicht gewesen wären. Wo kam das Wissen so plötzlich wieder her? Ein einziger Anruf und alles ist wieder präsent. Das müsste ich doch schon längst alles vergessen haben. Wie ein Korken der unter Wasser festgehalten und plötzlich los gelassen wurde.

Mit dem Korken kommen aber auch die alten lieb gewonnene Erinnerungen um heftigen Diskusionen, problematische Aufträge, gemeinsame Schinderei, schwierige Zeiten, lustige Feste, und auch sehr viel Skurriles wieder zurück an die Oberfläche. Ihn werde ich sicher nie vergessen. Sein Garb habe ich dennoch nicht mehr besucht, ich weiß ja wo er ist.

3 Gedanken zu „verschüttet

  1. Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann,
    steht in den Herzen seiner Mitmenschen.

    Albert Schweitzer

  2. Ich kenne das so, dass jahrelang erarbeitete Wissen und die trainierten Fähigkeiten aus vergangenen Jobs plötzlich wieder da sind, wenn man sie braucht.

    In dem Zusammenhang stelle ich mir gerne spinnwebverhangene und eingestaubte Bandspeicher vor, die plötzlich zum Leben erwachen und in rasender Geschwindigkeit das alte Kram in den Arbeitsspeicher hochladen.
    Ich weiß, ich bin ein Nerd.

  3. @silencer137
    Ächzende und seufzende Miniaturtechnik setzt sich mühsam und schwerfällig in Bewegung, zischend und Dampfwolken absondernd, …… schönes Bild. Wir sind nun mal so. 🙂

    OT: Nicht doch eher Geeks? 🙂

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