Narben

Es gab und gibt Völker, die sich künstlich Verletzungen in bestimmten traditionellen Mustern zufügen, damit die daraus entstehenden Narben sie schmücken sollen. Für uns Normalos hier nur in den seltensten Fällen nachvollziehbar. Obwohl, als vergleichbare Handlung gibt es hierzulande Menschen, die kein Problem haben sich an mehr oder weniger verrückten Stellen perforieren zu lassen und blankes Metall hindurch zu stecken. Auch wenn man dies im Gegensatz zum Narbenschmuck jederzeit wieder entfernen kann, kann ich dem dennoch nichts abgewinnen. Die Menschen die sich freiwillig dieser Tortur unterziehen verdienen Respekt.

Richtige Narben anzufasen ist mitunter sehr merkwürdig, die Haut ist zarter, irgendwie dünner, rosa, hart und weich zugleich. Wenn es sich um Schnittnarben handelt spürt man, dass an der Stelle die Haut durchtrennt war. Fasst man seine eigenen Narben an, kommen einem auch deren Geschichten wieder in den Sinn. Meine eigenen Narben erzählen mir die Geschichten ihrer Entstehung immer wieder, das sind Spuren meines bisherigen Lebens. Wenn ich richtig gezählt habe, sind es schon 18 Stück geworden.

Die Älteste:
Wir spielten Fußball im Mainzer Volkspark, eine ganze Horde von Jungs. Wie sonst auch stand ich im Tor, denn mit einem Ball an meinem Fuß konnte ich einfach umgehen (hat sich bis heute auch nicht geändert). Mit 12 Jahren war es eine Schmach immer zu den Letzten zu gehören die gewählt wurden. „Hauptsache dabei“ war auch damals die Devise. Das Spiel tobte weit weg von meinem Kasten, kniend im ungemähten Gras und wurde ich gestochen. Erschrocken sprang ich auf und starrte auf eine breite rote Spur mein Schienbein herunter. Sehen konnte ich nichts, es war nur rot, glänzte und irgendwie pulsierte es am Anfang der roten Bahn. Erst als och das Knie etwas beugte, öffnete sich ein Spalte direkt neben der Kniescheibe und gab den Blick auf das Innenleben des Knies frei. Filmriss, Krankenwagen, Notarzt. Mein Knie traf auf einen im Gras liegenden altmodischen Getränkedosenverschluß (bei den alten Dosen in den späten 70-igern konnte man den Ring komplett mit der Lasche abziehen) mit rasiermesserscharfem Rand. Die Narbe ist 7 cm lang.

Die Unnötigen:
Es sollte ein Kabel (insider: NYM 5×2,5²) abisoliert werden. Dazu hielt man es in der linken Hand, nahm ein Kabelmesser und schnitt einmal rund in die Isolierung, öffnete diese und zog sie ab, so dass die Kupferadern darüber freigelegt waren. Dabei nicht so tief schneiden, damit die Kupferadern nicht verletzt werden. Der Meister sagte immer wieder „macht das Messer nicht zu scharf, ein gutes Kabelmesser ist stumpf aber robust“. Natürlich wusste ich es besser, schliff es richtig schön scharf an. Ein Kupferkabel habe ich nie getroffen, doch der linke Daumen, ziert eine 3cm Narbe, weil das Kabelmesser einfach weiter schnitt.

Auf einem gefliesten Werkstattboden zu rennen, wenn man Schuhe mit Ledersohlen trägt, ist keine gute Idee. Als ich die Wasserlache sah, hat es mich auch schon unter die Werkbank gedrückt, wo mir eine Querstrebe das Schienbein aufratschte. 3cm sind übrig geblieben.

… und und und.

Die Impulsive:
Faustkampf, 5 mm am rechten Handrücken. Ging nicht anders, er hat anfangen, hier hatte ich zwar das Nachsehen, aber dennoch das letzte Wort. Details sind unwichtig.

Die Heilsamen:
Eine Ohrspeicherdrüse war zu groß. Als sie immer größer und mir damit unheimlich wurde, habe ich sie entfernen lassen. Gutartig, also nichts weswegen man sich Sorgen machen musste. Ganz anders als in der Zeit bis zum Befund. Die Narbe ist weithin am Hals sichtbar, unter dem linken Ohr. Zum einen wegen Keloid (nicht erschrecken bei dem Artikelbild, dort ist es extrem) und auch wegen des recht gut verheilten 13 cm langen Schnittes. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass manche Leute unbedingt drauf starren, es ist mittlerweile verzeihlich.

Noch ein paar kleinere, wo ehemals Muttermale waren.

Auch die Seele hat Narben. Glücklicherweise kann die keiner sehen und auch niemand spüren. Erst wenn die Person gegenüber nah genug dran gelassen wird. Das ist auch gut so, denn diese Narben verschließen sich nur selten richtig. Die heilen und heilen und heilen und brechen doch so schnell wieder auf. Auch deswegen darf da kaum jemand anfassen.

Komische Gedanken und Ideen kommen immer dann zustande, wenn man alleine ist. Es wird Zeit, dass die Gattin wieder heim kommt.

11 Gedanken zu „Narben

  1. Euer Fußvolk haben sich aber schon ziemlich viele Narben zugezogen, und ich meine jetzt nicht die seelischen! Aber auch du wirst hoffentlich im Alter *hüstel* etwas ruhiger werden…

  2. Du kramst ja Themen raus… Kurioser Weise habe ich mich eben selbst analysiert und denke ganz gut mithalten zu können. Am Hüftgelenk die Älteste die dadurch entstand, dass ich 3 Meter auf nackter Haut über den Schotterplatz gerutscht bin. Die Impulsive am Knöchel des rechten Zeigefingers – auch dazu keine Details. Die Unnötigen – 3 Stück sinds – von den unschön gerissenen und unschön genähten Strecksehnen der linken Hand (Zeige-, Ring- und Mittelfinger). Die Kosmetischen wo Frau Hautärztin Proben mit dem Skalpell genommen hat. Das Pünktchen, wo ich mir als Kind ’nen spitzen Stock in den Hals gerammt habe. Und, und, und…
    Ich denke wir Männer zeigen gerne mal unsere äußeren Narben. Die inneren, die du ja auch angesprochen hast, die taugen nicht zum vorzeigen. Die zeigt man nur ganz selten, vielleicht einem guten Freund nach 1 oder 2 Bier.

  3. Nachtrag: Klingt jetzt vielleicht komisch, aber irgendwie überschwappte mich nach dem Lesen deines Beitrags da oben (und der anderen) ’ne große Welle Sympathie. Ich denke, ich kann dich richtig gut leiden.
    Tssse…

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