Das erste Auto

Peter vom Dreibeinblog erinnert sich anlässlich seiner kürzlich gezählten 145 Euro ‚Unterhaltskosten‘ für seinen heutigen Wagen an sein erstes Auto und fragt nach schriftlichem ‚Beistand‘. Da lasse ich mich nicht zwei Mal bitten.

Mein erster eigener Wagen war 1983 ein VW Derby:

vw_derby_1979

[Bild © unbekannt]

Allerdings war mein Flitzer weiß, natürlich mit selbst aufgeklebten schwarzen Ralleystreifen, die bei 40 PS auch zwingend nötig waren. Lange habe ich für das Auto nebenher gearbeitet, alles erdenkliche Geld vom spärlichen Lehrlingsgehalt abgezwackt, nur um dann knapp 3.000 Mark für den Traum bezahlen zu können. Dieses Gefühl, das erste Mal alleine im eigenen Auto sitzen zu können ist und bleibt für jeden und immer unbeschreiblich. Das viele, so sorgsam gesparte Geld ‚verloren‘ zu haben hingegen schmerzte schon sehr, daran kann ich mich auch noch sehr gut erinnern. Anfangs malte ich mir aus, was man anderes mit dem Geld hätte anfangen könnte, wie z.B. eine Revox B77 Bandmaschine kaufen, oder eines der neuen federleichten Rennräder,besser HiFi-Anlage eigentlich sogar alles, und und und. #schlechtes.Gewissen

Mit den letzten Kröten aus dem Sparkonto fuhr ich mit der Bus-Linie 15 zur Quelle nach Mainz, um mir dort adäquates Audio-Zubehör zu beschaffen. Zu den Zeiten fuhr man keinesfalls ohne Anlage im eigenen Auto. Das war ein NoNo, fast wie auf dem Pausenschulhof der 9.Klasse die Kapuze von Step-Anorak hochziehen, weil es regnet. Dafür hätte man auch Prügel beziehen können.

Soweit ich mich erinnere hatte ich 200 Mark dabei. Dafür erstand ich einen Einbau-Equalizer (der musste sein, schon wegen der Pegel-LEDs und der unglaublich tollen Möglichkeit, selbst bei den miesesten Aufnahmen noch alles zurecht regeln zu können), ein Kassettenradio mit Auto-Reverse (=andere Seite einer Kassette abspielen _ohne_ diese umdrehen zu müssen, alles andere war für nichts verstehende Anfänger), 4 Boxen (2 Stück 3-Wege Aufbau-Kästen für hinten und 2 Stück 1-Weg Einbauboxen für die Türen). In der Dämmerung des gleichen Tages fing ich noch an hektisch alles einbauen zu wollen, musste aber dann leider der einsetzenden Dunkelheit wegen aufhören. Das war eine wirkliche Qual. Es war so schlimm den Kram im Kofferraum zu wissen und just nichts damit machen zu können. Das ist auch heute noch oft so, kaum ist ein Gadget im Hause, muss das auch gleich unbedingt eingebaut, verwendet, angepasst und was auch immer werden. Es liegen einfach zu lassen und zu warten ist Frevel. (got it? :D)

Am nächsten Tag begann ich recht früh die Anlage einzubauen, muss wohl so 08:30 Uhr gewesen sein. Vor dem Haus und auf der Straße wütete ich, auch froh den zu Beginn der Ausbildung selbst zusammengestellten Werkzeugkasten, endlich mal privat verwenden zu können. Es war eine Schinderei, weil ich von Autoelektrik keine Ahnung hatte, fortwährend zwischen bloß nichts kaputt machen, keine Einbauspuren hinterlassen, alle Kabel verstecken und der Vorfreude vor der ersten Ausfahrt mit richtiger Musik schwankte. Die C90 (TDK- was sonst) war schon lange gemischt. Leider weiß ich nicht mehr genau welche Musik als erstes lief, es müsste Phil Collins – The roof is leaking gewesen sein. Die Bilder, die das völlig zerlegte Innenleben des Wagens zeigten, haben leider nicht überlebt. Erst gegen Abend war ich dann zufrieden und fuhr direkt stundenlang in der Gegend herum. Endlich auch angeben können, Freundin beeindrucken, kein Bus mehr, kommen und gehen wann ich wollte, nun konnte ich auch gefragt ob ich mitgehen wolle (weil Fahrer), die Welt war deutlich kleiner und gehörte mir.

Der Derby begleitete mich auch, als ich meine Kasernenzeit im hessischen Norden begann. Er war während der vielen Wochenendheimfahrten ein treuer Begleiter. Trotzdem er sorgsam gehegt und gepflegt wurde, musste es dann irgendwann ein Neuer sein. Nach 2 Jahren Wochenendpendeln war ein BMW 316i mein fahrbarer Untersatz.

Meine liebe Freundin M. hatte damals schon öfters Andeutungen gemacht, den Derby beizeiten übernehmen zu wollen. Nun kam sie zum Zuge und sie war glücklich, weil es auch ihr erstes eigenes Auto war. An einem Samstag kam sie mit ihrem Papa und holte ihn ab, just als ich meine neue Fischer-Anlage in den BMW einbaute. Ich wähnte den Derby in guten Händen, doch kaum eine Woche später rief sie mich an und entschuldigte sich fast, den Derby im Mainzer Hinterland aufs Dach gelegt zu haben. Ihr wäre nichts passiert (gotttlob), aber der Derby wäre komplett hin. Nun ja, wir haben uns erst 10 Jahre später wieder getroffen, weil aus den Augen verloren. Mit einer ihrer ersten Fragen war, ob ich sie immer noch wegen des zerlegten Derbys zürnen würde. Ich muss damals wohl echt sauer gewesen sein, komisch dass ich mich daran nicht mehr erinnere.

10 Gedanken zu „Das erste Auto

  1. Oh welch schöner und emotionsvoller Text. Hat mir Spaß gemacht den zu lesen.
    Mein erstes Auto war weniger spektakulär. Auch habe ich mit meinem ersten Wagen keine so großen Emotionen verbunden. Für mich war und ist ein Auto von je her nur ein Gebrauchsgegenstand.
    Der erste eigene Wagen war ein Lancia Y10, so ein ganz kleiner. Den habe ich gebraucht von meiner ältesten Schwester gekauft. Nachdem ich meine Ausbildung beendet hatte, war ich der Meinung jetzt kann ich mir endlich ein eigenes Auto leisten, inklusive Versicherung. Und so kaufte ich den Wagen meiner Schwester.
    Alle Welt hat mich wegen des kleinen Wagens ausgelacht, aber aufgrund seiner geringen Größe konnte ich da schon tolle Sachen mit machen. Whow, was konnte ich mit dem Auto rangieren, wo andere kapituliert haben. Da war er echt gut!
    Und einen geringen Verbrauch hat der gehabt! Berlin – Rügen und zurück mit EINER Tankfüllung und einem Verbrauch von unter fünf Litern auf 100 Km!!! Erst später fingen die Grünen an von einem Fünf Liter Auto zu reden… ich hatte es da schon längst!

    Fünf Jahre später war ich der Meinung das ich mir genug Fahrpraxis erworben hatte, und kaufte mir dann neu den Renault 19, den ich dann zehn Jahre lang fuhr! Ich wollte einfach ein größeres Auto. Ja und heute… heute hat es mich wieder zu einem Kleinwagen gezogen, meinem Smart den ich nicht wieder hergeben möchte. Das ist das Stadtauto für eine Stadt wie Berlin. Mehr Auto braucht man nicht, wenn man keine Familie hat und nicht groß damit verreisen will.

  2. Fiat 131, Farbe wie der Derby auf dem Bild (schlammgelb oder so…), Baujahr 1977, natürlich Rallyestreifen, verchromtes Auspuffendstück (bester Freund: Lehrling in der örtlichen Fiat Werkstatt) und natürlich geile Anlage (Gott, wie mies klangen die HutAblageAufbauBoxen aus heutiger Sicht)… noch vor der Führerscheinprüfung an der Garageneinfahrt den Winkel unterschätz und die Tür ziemlich demoliert, nach 4 Wochen Fahrt das Auto verkauft, dem Vater das gesponserte Geld zurückgegeben, einen Kredit (3800 DM – nicht nur das Revox Bandgerät sondern die Marantz Anlage aus der Gold Series, immerhin machte ich meine Ausbildung in der Hifi Abteilung des Frankfurter Kaufhof an der Hauptwache… ) auf das Lehrlingsgehalt aufgenommen und „the real thing“ bestellt: Yamaha XS 400 (siehe weblink, genauso sah sie aus…!!! Mama weint (Gefahr), Papa motzt (pädagogisch richtig aber nicht nachhaltig denn am nächsten Tag wollte er „mal kurz fahren“…) Seit dem waren Autos immer nur Transportmittel und Motorräder aller Art (ca. 550.000 Kilometer bewegt) das wirklich Wahre! Einzige Ausnahme in Sachen Spaßfaktor: Bundeswehr in Goslar, keine Geld fürs Moped, 4 Wochen Zugfahren, ziemlich blöd, Mini Cooper (!), 70 PS bei ca. 600 Kilo, Spitzname Schlaglochsuchgerät für den Trip Frakfurt-Goslar, Spaß in den Kasseler Bergen und den Spaß in Harz rund um Goslar. 3 Wochen vor Ende der Dienstzeit verkauft an Kameraden weil einen Yamaha XS 1100 lockte – und der Dödel meinte, er müsse die Lichmaschine ausbauen, baut sie verkehrt ein udn das Auto brennt auf dem Kasernehof ab… Idiota! Immerhin hatte er schon bezhalt und ich tröstete mich mit 100PS aus vier Zylindern bei 260 Kilo Gewicht – ein Hammer!!!! (Mama weinte wieder ein bischen…)

  3. Genau so ein Derby war das zweite Auto meiner Mutter – die Farbe hiess Baligrün, das weiss ich noch. Was ich auch noch weiß: Die Schaltwege waren kilometerlang. Und jeden zweiten Winter waren die Stossdämpfer kaputtgefroren.

  4. das war ein schöner Bericht, er erinnert mich an mein erstes Auto, das war ein VW Jetta in Silber. Das erste Auto ist wohl immer was besonderes.
    Gruß
    Kai

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