Schlange stehen

Für uns Deutsche ist sich anzustellen, also klassisch Schlange stehen nicht wirklich einfach. Wir erwarten in frühester Kindheit schon und völlig zurecht, dass wer auch immer sich anschickt sich für unsere Sache zu verwenden, nur auf unser Erscheinen wartet. Wir wünschen direkt an der Tür, eigentlich sogar schon dem Betreten von einem eigens für uns abgestellten Angestellten namentlich begrüßt zu werden. Wir möchten diesem externen Leibeigenen unser ganzes Leid auf die Frage „Wie geht es Ihnen heute“ ungeschönt klagen dürfen. Wir erwarten Mitleid, Anteilnahme und auch Lebenshilfe. Aus Respekt uns als Kunden gegenüber hat alles andere zu warten, bis auch nur der angedeutete Wunsch zu 150% erfüllt werden kann und wir auch noch eine Entschuldigung dafür erwarten dürfen, dass es nun doch länger gedauert hat.

So, oder so ähnlich komme ich mir manchmal vor, wenn ich in einer Schlage stehe und warte. Plötzlich haben viele in der Schlange keine Zeit mehr, müssen dringend weg oder sehen nicht ein, ein paar Minuten Zeit zu opfern. Die, die mit künstlicher Ungeduld geschlagen sind, beginnen mit den Füssen scharren, ständig mit den Zunge zu schnalzen, überdeutlich ein- und auszuatmen, versuchen lediglich ihrer Präsenz somit eine gewisse akustische Wichtigkeit zu verleihen.

Leider habe ich keine Briefmarken mehr und muss daher die 2 Buchsendungen am Mail-Servicepoint abgeben. Wobei das ja gar nicht stimmt, in diesem Fall ist ja immer noch ein leidlich sympatisches und doch altmodisches

Postamt

Das Postamt ist zur Mittagszeit immer gut besucht, mitten im Wohngebiet und reichlich Büro- und Gewerbe drum herum hat das Postamt auch noch seine Berechtigung. Vor mir stehen 5 Leute und die Schlange wächst minütlich. 5 von 5 Schaltern sind offen und besetzt. Das Personal hier ist erfahrungsgemäß klasse, sie geben sich Mühe, sind auch bei unfreundlichen Kunden höflich und sehr geduldig, arbeiten flink und nehmen sich doch die nötige Zeit. Kaum einer ist unter 40, alles gestandene Postleute und nicht so einfach aus der Ruhe zu bringen. Wenn es der Schlange nicht schnell genug geht, was immer damit auch gemeint ist, denn der Übergang hier ist stets fließend und nicht zu definieren, fängt das Scharren an, die Leute nölen mehr oder weniger leise, man hat ja ach so wichtige Termine, muss dringend weg, geht das nicht schneller usw. Und wie es nun mal so ist, einer (meist ganz hinten) fängt an, andere machen mit und die ganze Schlange gerät in Unruhe.

Ok, die Oma kann auch nicht davon ausgehen, dass sie auf ihren 7 Päckchen unbedingt Adressen haben muss, weil sonst der DHL-Fahrer ja nicht weiß wo er hin soll. Es macht auch keinen Sinn, sich vor dem Schaltergang die überall ausliegenden Vordrucke zu schnappen, alles auszufüllen und quasi vorbereitet an den Schalter zu treten, so dass der Mensch nur noch frankieren muss. Es ist doch viel angenehmer und toll schick, wenn man Frau ihre Päckchen auf den Schalter legen kann und den Schaltermenschen alles ausfüllen lässt. Die Ruhe und Würde dieses Schaltermenschen ist bewundernswert.

3 Gedanken zu „Schlange stehen

  1. Oh!
    Jetzt schäme ich mich ein bisschen. 😳
    Bin bis dato davon ausgegangen, dass eine der Einstellungsvoraussetzungen bei der Post einen gewissen, angeborenen Phlegmatismus ihr eigen nennen müssen?

    Ich war seit Monaten, wenn nicht sogar fast 2 Jahren nicht mehr „auf der Post“, ich nutze die Packstation und alle anderen Frankiermöglichkeiten, die ich nicht mehr missen möchte. Auch wenn ich quasi in einer Schlange geboren bin und mir das nicht viel ausmacht 😉

  2. @AndiBerlin
    Nope, das ist dort häufig so. Es ist mir zwar auch wunderlich aber dennoch Tatsache. In Wiesbaden auf der Hauptpost hat es 10 Schalter, von denen regelmäßig nur 2-4 offen sind, der Rest scheint Alibi. Aber auch die Besatzung dort tun ihr Bestes.

    @Meg
    Es gibt sie sicher noch, die von der Reform vergessenen Beamten, die im Single-Task ihre ausfüllende Tagesaufgabe finden. Aber die Mannschaft hier ist eine echt gute Besatzung, die arbeiten sogar zusammen, also gemeinsam im Team. 😉

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