Brillenjammer

Nicht bei mir, ich bin mit meiner Sonnenbrille derzeit wunschlos glücklich. Der Gattin ist vor ein paar Tagen aufgefallen, dass die Sonnenbrille beim Fahren eher hinderlich als noch hilfreich ist. Es muss also eine Neue her, mit aktualisierter Stärke und einer etwas moderneren Form. Die Alte hat immerhin schon 5 Jahre auf dem Buckel und zu der Zeit als wir sie erstanden waren Ellipsen groß in Mode.

Rein aus Neugier gingen wir heute zuerst zu den laut trommelnden Optikern, mit Namen Fielmann und Apollo. Die Regale voll mit sündhaft teurer Designerware, bei Fielmann fanden wir alleine ca. 20 und bei Apollo 15 ebenfalls alleine preisgünstige Fassungen. Komisch, die Werbung lässt einem irgendwie etwas anderes erwarten. Beratungen gab es sicher auch, nur fanden wir die nicht. Keiner kümmerte sich um uns, wenn man vom „Guten Tag“ vorbei hechelnder Menschen mit schlecht lesbarem Namensschild mal absieht. Entweder sind die Läden zu groß oder es hat zu wenig Personal. Letztlich war uns auch vorher schon klar, wir gehen lieber wieder zu unserem Optiker. Der ist vielleicht ein paar Euro teurer und macht keine blödsinnige Fernsehwerbung, doch sind die für uns da und haben die gleichen Fassungen wie auch diese Werbeblender. Wobei Apollo nun endgültig bei uns verschissen hat, denn als wir 2003 schon einmal eine Brille für die Gattin kaufen wollten, uns die „Beratung“ zum Staunen brachte. Wir hatten damals eine randlose Fassung in der engeren Wahl, jedoch waren wir mit der Form der montierten Gläsern unzufrieden. Mäßig hilfsbereit bot man uns an, die Brille doch erstmal zu bestellen und dann zu sehen, ob die Gläser wirklich so schlecht sind oder nicht. Man würde sich da schon einig werden. *ähm* Wir ließen uns natürlich nicht darauf ein und so kam man auf die Idee aus dem Musterkatalog die gewünschte alternative Gläserform hervor zu ziehen. Nanü, dachten wir, warum nicht gleich so? Die Muster waren aus blickdichtem Karton und er wollte der Gattin tatsächlich die Kartons an das Gestell pappen. *lol* Wir haben selten so gelacht und waren auch schon weg. Bei unserem Stamm-Optiker jedenfalls wurden wir in den vergangenen 18 Jahren stets höflich und kompetent beraten und tadellos bedient. Auch wenn der Laden voll ist muss man nicht wirklich warten, sondern wird zumindest in der Form bedient, dass man zu einem späteren Zeitpunkt gebeten wird, dann jedoch mit Reservierung.

Zurück zu heute. Wir sitzen also schon und besprechen die Einzelheiten der Bestellung. Das neue Gestell war flink gefunden, die Stärke sollte noch vermessen werden, was einem extra Raum geschieht. Ich selbst blieb derweil am Tisch sitzen und wurde Zeuge einer echt hessischen Begebenheit. Zwei Tische hinter uns saß ein Berater bei einer etwas älteren und leicht derangierten Frau. Sie sprach so laut, dass ich beim besten Willen nicht weghören konnte, also tat ich es nicht. Die Brille sei nun schon etwas älter, aber der Bügel wäre abgebrochen und müsste doch bitte repariert werden. Das alles in schönem, mittelbreiten hessischem Platt. Und außerdem wäre ihr schon so viel kaputt gegangen, zuerst der Fernseher, dann die Waschmaschine und nun auch noch die Brille. Was das wohl wieder kostet und überhaupt wäre heute alles viel zu teuer. Der junge Berater versuchte also die Brille zu reparieren, begleitet von den blumigen Beschreibungen, wie die Waschmaschine das ganze Wasser einfach so hat hinauslaufen lassen und wie der Fernsehen nur noch einen hellen Punkt zur Unterhaltung anbot, natürlich zur besten Tatortzeit und und und. Sie sabbelte in einer Tour, scheinbar auch mit dem Tischspiegel, als der Berater flüchtend in die hinteren Räume zur Werkstatt zog. Die Brille war hin und nicht zu reparieren, sie jammerte sich ins Tal der Traurigkeit und seufzte und jauchzte wegen der Kosten und er solle es doch bitte hübsch billig machen, weil in ihrem Alter braucht man doch keine teure Brille mehr. Zumal ja erst die Waschmaschine … – na, ihr wisst schon. Eilfertig zeigte er ihr einige günstige Gestelle und sie fand auch etwas. Jeder seiner nun folgenden Handgriffe wurde von ihrem Jammern und Wehklagen begleitet, mir tat der Berater wirklich leid. Als es an die Aufrechnung der Kosten ging war es dann geschehen, sie verlor künstlich die Fassung und versuchte scheinbar mit erhobener Stimme über die Tische hinweg mit mir Kontakt aufzunehmen. Eine neue Brille für 85 Euro sei für eine alte Frau doch arg viel Geld, denn vor kurzem wäre erst ihre Waschmaschine ……usw. Da ich nicht reagierte gab sie klein bei, zumal der Berater sich bei den nebenbei angezettelten Versuchen der Preisreduzierungen als eher unflexibel erwies. Die Gattin kam zurück und ich verlor den akustischen Kontakt, sondern folgte lieber den Ausführungen vor mir. Wir verließen kurze Zeit später den Laden, die alte Dame war immer noch nicht fertig, der Berater tat mir so leid. Als wir später aus dem Parkhaus fuhren, sah ich sie wieder – am Steuer eines weißen M6. Nun ja, man soll sich nicht vom ersten Eindruck täuschen lassen.

21 Gedanken zu „Brillenjammer

  1. Ich kann aus meiner Erfahrung als Brillenträger nur sagen, das die „normalen“ Optiker nicht zwingend teurer sind. Zumindest was die Gläser angeht. Mein Gestellt was ich mir habe machen lassen war zwar nen Euro teurer, jedoch haben die Gläser mal nur 2 drittel von dem gekostet was sie bei diesen Blendern gekostet hätten. Zudem hat dieser Optiker die gekaufte Brille nach 2 Monaten und einem Totalschaden vom Toten Hosen Konzert mit Kosten von10€ wieder heile gemacht.
    Un unter uns…der 10er war günstig angelegt…die Brille hatte lustige Knoten oder wie au immer man das nennen sollte….übrigens….Freitag ist wieder Konzert und ich habe mir extra ne schöne Billigbrille machen lassen….beim selbem….

    Vertrauenssache halt.

  2. Ist doch ganz einfach: die arme alte Frau mit der kaputten Waschmaschine und dem kaputten Fernseher stand mit Tränen in den Augen und ohne Brille auf der Nase an einer vermeintlichen Bushaltestelle. Der „Bus“ kam, hielt an der Ampel, aber genau neben der guten alten Frau, und sie erzählte dem „Busfahrer“ ihre grausige Geschichte. Der „Busfahrer“, eigentlich M6-Verkäufer, bot ihr eine Proberunde an. Passieren kann ja mit den modernen Autos nix, da Spurassistent, Abstandsradar und Co. jegliche Gefahr abwenden. Da wenigstens noch das Hörgerät funktionierte, konnte sie dem Navi folgen und fand so den Optiker.
    Den Rest kennst Du.

  3. Ich hab zwar nicht so eine Knallerpointe wie du mit dem M6 zu bieten, aber ansonsten kann ich da locker mithalten.
    Vor kurzem stellte mal eine Kollegin im Büro ihr Telefon auf Lautsprecher, als eine Kundin, die gerade erfahren hatte, dass sie noch ca. 2 Wochen auf ihren Treppenlifter warten muss, anfing, darüber zu sprechen, dass alles so schlimm sei, dass sie gar nicht mehr leben wolle, und sie brauche doch diesen Treppenlifter.
    Die Kollegin sagte, es tue ihr sehr Leid, aber der Hersteller brauche eben so lange, und die Kundin fing wieder an, sie wolle gar nicht mehr leben, sie brauche den doch, was sollte sie denn machen…
    Selbstmorddrohungen sind ja so ein Verhandlungsinstrument, das man wirklich nur als allerletztes Mittel auffahren sollte.
    (Keine Angst, es ist natürlich alles gut ausgegangen.)

  4. Hab ich doch tatsächlich „Treppenlifter“ geschrieben. Hach, die Leute werden auch immer früher Senil.

  5. Ich habe auch keine guten Erfahrungen mit diesen billigen Optikerketten gemacht. Keine Beratung oder Verkäufer in Sicht, die sind alle geflüchtet um angeblich noch was zu erledigen… dabei wollte ich nur Contactlinsenpflegemittel kaufen.
    Nein, ich bleibe meinem Optiker treu. Die Beratung da war aller erste Sahne. Und als es im letzten Jahr daran ging mir eine neue Brille machen zu lassen, inklusive der Augenbestimmung, wurde ich besser behandelt und beraten als bei meinem Augenarzt.
    Mag sein das es vielleicht einen Tick teurer ist als die „Discounter“, aber da zahle ich dann gerne mehr!

  6. Mein Optiker hat bereits mit dem Namen seines Ladens bei mir punkten können, er nennt sich schlicht und einfach „Ihr Optiker“ und meldet sich auch so am Telefon. Der Chef selbst ist äußerst charmant, sehr kompetent, sehr fair und flexibel und wie Du schon selbst schreibst: Man ist eher bereit ein paar € mehr auszugeben, wenn alles andere stimmt.
    Bisher bin ich bei den Apollos und Fielmanns dieser Welt nur enttäuscht und betuppt worden, man nahm sich keine Zeit für mich und verpasste so die Chance auf einen recht hohen Umsatz, denn ich brauche neben der Brille auch noch jedes Jahr neue Kontaktlinsen. Pech gehabt 🙂

  7. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. War vor 2 Jahren mal bei einem anderen Optiker, weil die ein Spezialangebot für dünne Gläser hatten. Das ist ja bei einer hohen Dioptrienzahl durchaus verlockend. Und ich wurde auch gut beraten, hab zu einem Gestell eine andere Glasform bekommen und es war total schnell erledigt. Ich ärgere mich nur heute noch, dass ich mir damals eine Arbeitsbrille hab machen lassen und keine für den Alltag. Denn jetzt kann ich sie nur im Büro tragen und dafür ist sie eigentlich viel zu schade.

    Bei welchem Optiker bist du denn?

  8. Ist es nicht schön zu sehen, dass arme, alte Mütterchen sich vielleicht keinen Luxus wie eine Brille, dank der Abwrackprämie aber nötigen Grundbedarf wie ein vernünftiges Auto leisten können?

  9. @ISMO
    einen Knoten? *lol* Ok, es sind die Hosen, doch sich aus Begeisterung einen Knoten in die Brille zu machen ist schon sehr….. komisch. Du solltest weniger beim Konzert weniger Hopfentee trinken und etwas Abstand zu den bösen Menschen halten. 😆

    @cutter
    *rofl* Ja, so kann es gehen. Immer die Busfahrer, wussten schon Badesalz zu berichten.

    @Muriel
    Die Mitleidsmasche ist also immer noch verbreitet. Als ich noch den Sanitär-Kundendienst disponierte, waren gerade die Sorte von Anrufen von älteren Personen, die dringend auf „das Ding“ angewiesen ist, obwohl es schon seit Wochen defekt vor sich hin dämmerte und der vorherige Kundendienst sich als Luftnummer erwiesen hatte, immer wieder Anlass zu ähnlichen Drohungen.
    OT: Wenn Du hier JavaScript aktivierst, kannst Du Deine Kommentare nachträglich editieren. 😉

    @Meg & AndiBerlin
    Genau so. Ich weiß wirklich nicht, warum diese Blender so beliebt sein sollen, in meinem Bekanntenkreis geht da keiner hin.

  10. @semmy
    Wir haben alle unsere Brillen bei Bouffier in Wiesbaden, auf der Langgasse gekauft.

    @Silencer
    Es beruhigt mich in der Tat, dass das Mütterchen zumindest nicht genötigt ist, mit den hässlichen Öfties zu fahren. Ja doch. 🙂

  11. Hihi, sehr schöne Pointe! Aber was glaubst du denn, wie die sich ihren M6 zusammen gespart hat?!

    Ich habe übrigens doppeltes Optiker-Glück: mein Stammoptiker (bei dem ich aufgrund immer schlechterer Augen in den letzten Jahren jedes Jahr neue Gläser bekommen habe) ist jetzt eine Apollo-Filiale, aber es hat sich nicht viel geändert 🙂

  12. @ruediger: und da hab ich auch gekauft… 🙂 ein Freund von mir arbeitet dor und eine Freundin von mir hat dort gearbeitet. Vielleicht kennst du sie vom Sehen, ist eine schmale dunkelhaarige junge Frau mit kölschem Dialekt.

  13. @JuliaL49
    öhm, Apollo übernimmt ’normale‘ Optiker? Ist das ein Franchise-Modell?

    @Semmy
    hehe – die Welt ist ein Dorf. 😉 Ich denke schon, dass ich Deine Freundin gekannt habe.

  14. @JuliaL49
    Ach herrjeh, dann wundert es mich aber, dass scheinbar so viele recht ähnliche Erfahrungen mit dem Unternehmen machen wie auch wir.

  15. Ich habe auch schon schlechte Erfahrungen mit Apollo gemacht, so ist es nicht. Die meisten Läden werden wahrscheinlich gleich als Franchise-Standort eröffnet und nur in dem einen Fall hier war es anders.

  16. @JuliaL49
    AFAIK werden üblicherweise Franchise-Nehmer ziemlich an die Kandare genommen. Wie dann solche Ausfälle immer wieder vorkommen ist schon komisch.

  17. Und dann ist das Ömchen im M6 weggefahren? Zu genial… 😀

    Bei mir wars leider genau andersrum – der „richtige“ Optiker hat mich immer mehr enttäuscht, also bin ich nach der fünften auf eine Kette umgestiegen. Da bin ich auch relativ zu Frieden… Abgesehen davon, dass sie einen zuspammen.

  18. @Axy
    Jupp, sie saß hinterm Steuer.

    Also haben wir eine Person, die mit einem Kette-Laden zufrieden ist. Darf man auch wissen, welcher das ist?

  19. Einen richtigen Vergleich hab ich noch nicht, da fünf Brillen beim alten Optiker und erst eine plus Kontaktlinsen bei der Filiale…. von Apollo *g*

    Es sind glaube ich insgesamt drei oder vier Angestellte, mit einer hab ich schlechte Erfahrungen und eine andere finde ich sehr gut. Lange warten musste ich noch nie, nur wenn man mittags kommen will sollte man „sich anmelden“, da eine von zweien sonst in Mittagspause ist -> Keine Messungen mittags, da immer einer vorne im Laden sein muss. Und ich bemüh mich eben, nur zu der einen Optikerin zu kommen.

    Ein klein wenig also wie beim Frisörbesuch – man muss den/die richtigen erwischen 😀

  20. @Axy

    Ein klein wenig also wie beim Frisörbesuch – man muss den/die richtigen erwischen

    Dem kann kaum jemand etwas sinnvolles hinzuzufügen. 🙂

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