Pestmaschinen – Teil 3

(Was bisher geschah)

Kandidat #6

Es steckt zuerst Colaflaschen aus dem Kasten in die Rinne und will dann die leere Kiste unten von dem Automaten vermünzen lassen. Logisch, das der sich verweigert. Der Almöhi aus dem Hintergrund wird wieder gerufen. Er hört sich an was Kandidat #6 vorzutragen hat, rollt vielsagend seine Augen, lässt den Gewinn ausdrucken, was Kandidat #6 mit „Aber ich bin doch noch gar nicht fertig!“ fast verzweifeln lässt und schreibt noch einen Handzettel aus. Wo auch immer der Zettel und Stift so schnell herkommen, ich habe es nicht gesehen. Ein Doc Hollywood der Flaschenpfandindustrie und wir sind am OK-Corall. Beides händigt er aus und nuschmurmelt „kisde immä mit was drinn ninnschdegge, lääre nimmdär nett“. Kandidat #6 signalisiert Einvernehmen und öffnet einen seiner 2 Jutebeutel, um nun die Bierflaschen zu entsorgen. Fachlich korrekt mit dem Boden zuerst, doch mit deutlich zuviel Schwung torpediert er die Flaschen in die Rinne, wo sie am Ende krachend einschlagen. Zu schnell für die Maschine und zu laut für den Öhi, der von hinten brüllt „nett so doll, dunnerwädder, där konn doch gar nett messe was des is was de do ninnschiebst – longsomer un nur ninnleje“. Der Angebrüllte weigert sich zu verstehen und feuert lieber das nächste Torpedo hinein, wieder scheppern und keine Erkennung. Nun lagt dieser Alltagsheld frech in die Maschine und fummelt die letzte Falsche wieder raus. Der Öhi brüllt „Longsomer du depp, dunnerwdder, ääfach nur ninnleje. Iss des denn so schwär?“ Gerade als er erneut schießen will, sage ich „Sachte bitte und einfach nur reinlegen. Das grüne Band in der Rinne (*drauf zeigt*) holt sich die Flasche schon alleine.“ Es wirkt, denn der nun folgende Schwung hat deutlich weniger Schmackes, die Maschine rattert, rechnet seinen Gewinn hoch, er grient mich glücklich an. Mit der Zeit wird er immer besser und der Schwung harmonisiert mit dem Tempo der Maschine, sie werden eins, ein Symbiose aus Mensch und Maschine. Eine helle Flasche Mädchenbier wird aus dem Beutel geholt, die sogar noch reichlich Restflüssigkeit hat. Er wird doch nicht…  doch er wird. Wie zuvor erlernt wuppt er die Flasche mit etwas zuviel Schwung (vermutlich wegen des Gewichts) in die Rinne, die Flasche verschwindet. Die Flüssigkeit indes dankt ihm das Wuppen und nimmt gemäß der Lehre der Trägheit die entgegengesetzte Richtung. Sein Ärmel ist bis zum Ellenbogen biernaß, sein mögliches Eau de Toilette unwichtig, da diese Plörre infernalische Ausdünstungen entwickelt. Der Boden vor dem Automaten schwimmt. Wir halten alle kurz die Luft an, er schaut mir indes hilflos ins Gesicht. Wie ein kleines Kind, das nach einem Streich wartet, ob es nun geschimpft bekommt oder doch noch ein Lutscher abfällt. Ich kann nichts sagen, weil ich mir weiterhin auf meine Zunge beiße, sondern nicke forsch in Richtung der Maschine, was er korrekt als Aufforderung versteht, zügig weiter zu machen. Er schafft es seine Beutel zu leeren, ohne sich den Hals abzuschneiden, immer wieder verwirrt zum Ärmel blickend. Ausdruck – Abgang (ca. 30 Flaschen – 5 Minuten)

Kandidat #7 (ich)

Wegen des Biergestanks mag ich nicht mehr atmen, um Abstand zu wahren bekomme ich lange Arme und beeile mich meine 3 Flaschen in die Öffnung vor mir zu bugsieren. Die Luft halte ich auch dann noch an, selbst als mir ungeschickterweise eine Flasche aus der Hand rutscht und auf den Boden aufschlägt. Das wäre es jetzt noch, Glasflaschen, so poltert sie nur laut. Der ganze Bereich um den Automaten ist eine einzige Kneipe, ich stehe in einer Bierlache. Die lustigen Bauarbeiter in ihrem ausländischen Kauderwelsch ficht das nicht an und drängeln an den Automaten, während ich zur Kasse flüchte. Nur schnell raus hier, sonst glaubt der Öhi, ich war das mit der Pfütze. (3 Flaschen – 1 Minute)

Vor der Tür atme ich tief die kalte Luft ein und bin glücklich endlich wieder draußen zu sein. Auf dem Weg zurück frage ich mich ernsthaft, warum es Pepsi nicht auch im Tetra-Pak gibt. Das wäre doch echter Fortschritt, oder nicht?

21 Gedanken zu „Pestmaschinen – Teil 3

  1. Ist es okay, wenn ich mal so ganz kritik- und fantasielos dazu nur schreibe, dass du es wirklich total drauf hast?

  2. Pepsi im Tetrapack? Allaa, nee. :teehee: („Allaa“ ist in Mannheim eine Art Universalwendum-cum-Grußformel. Es hat weder mit Karneval noch mit Allah noch mit „Alter“ zu tun.) Ansonsten drängt sich mir auf, dass ich mir einen Kurzfilm über deine Erlebnisse recht gut ausmalen kann. Vielleicht bekämest du auch einen Preis. So beim Goldener Hirsch-Festival in HD?

  3. @Muriel
    Sicher ist es OK. Merci vielmals.

    @Charlotta
    Den leeren Tetrapak/Karton könnte man so schön falten. Kurzfilm nur wenn es auch olfakorisches Fernsehen geben würde. :top:

    Goldener Hirsch klingt nach Dorfkneipe mit angeschlossenen Schützenverein mit Tubagruppe im Keller. 😛

    OT: Mein LIeblingskollege kommt aus Mannheim, er ist ein Waschechter sogar. Üblicherweise spricht er hochdeutsch, weil sonst ihn wohl keiner verstehen würde. Doch wenn er mit der Familie telefoniert, mutiert er zum Fremden. Ich verstehe fast alles, im Laufe der Jahre bekam ich genug mit, zumal ich Dialekte recht schnell adaptieren kann. Allaa hopp. 🙂

  4. Olfaktorisches Fernsehen – allaa 🙄 Das will doch niemand sehen, so viel Scheiße wie schon im Standard-TV gezeigt wird, da kann man den Leuten nicht auch noch Bierschorlecolafantaspritegeruch dazu geben. Dennoch, gäbe es welches vortierte ich dafür, dass die Leute ihren Fernsehkonsum signifikant einschränken würden.
    Genau das habe ich beim „Goldenen Hirsch“ auch gedacht und bin sehr unfein von Heidelbergern zurecht gewiesen worden, das sei doch ein sehr tradionsreiches Hotel und außerdem das Kurzfilmfestival.
    Als ich nach Mannheim kam habe ich etwas Ähnliches wie Hochdeutsch gesprochen. Nur so ähnlich, meine Eltern stammen aus zwei sehr verschiedenen Gegenden Deutschlands. In Mannheim habe ich mir das Hochdeutsch dann abgewöhnt. Und jetzt, wo ich nicht mehr in Mannheim sein kann, weigere ich mich Hochdeutsch zu sprechen. Ich finde es manchmal richtig toll wenn mir jemand sagt, er verstünde meine Wortwahl nicht.

  5. da war wirklich viel wiederzuerkennen ;)! ich finde es immer so widerlich, ich habe offenbar genau die falsche größe, denn: beim einwerfen der flaschen ist meine nase exakt auf höhe des einwurf-loches. und aus dem bläst es eklige und abgestandene bierSonstwasLUFT. pfuibäh. :knirsch:

  6. Herrlich! Wie genial du Dialekt wiedergeben kannst. Ich brech mir einen ab, wenn ich das in geschriebenes Wort übersetzen will. 😀

  7. du hast übrigens die art von kandidaten nicht dabei, die ausnahmslos kaputte, zerbeulte oder etikettlose flaschen einwerfen, auch noch in einem affenzahn und mindestens fünf versuche pro flasche, und sich wundern (gar zeternd zur info laufen), wenn der automat dann keine der flaschen annimmt… und: ich bin sowas von für cola im tetrapak.

  8. @sarah
    Willkommen auf thatblog.

    Die Sorte Umweltschoner hatte gottlob an dem Tag Ausgang. weil die ja auch immer zu zweit auftreten. Während der eine zur Info schreitet und heult, der andere den Automaten aus Gründen der Beweissicherung (falls die Info seine wertvollen und nicht erkannten Flaschen nachzählen will) blockiert. 😉

  9. Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass dieses ganze Thema mich kein bisschen betrifft, weil ich nie irgendwas in Flaschen kaufe?
    Das Leben ist in vieler Hinsicht so viel einfacher, wenn man nur Tee und Leitungswasser trinkt. Und hin und wieder mal einen selbst zubereiteten Fruchtsaft vielleicht.
    Das klang jetzt ziemlich alternativ, oder? Meine Güte. In ein paar Jahren bin ich wie meine Oma.

  10. @Muriel
    *wah* Das nennt man auch insubordinatives Konsumverweigern. Du schädigst damit die Flaschen- und auch die Pfandflaschenrückgabeautomatenindustrie. Ich hätte Dir schon etwas mehr Patriotismus zugetraut.

    Und doch hast Du auch teilweise Recht. Blöd nur, wenn man auf die übliche Beimischung von Chlor im ungekochten Wasser reagiert. Der Energieeinsatz und das Handlung sind nur schwer zumutbar und einzuhalten.

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