Durst

(Rückblick) Ich habe mein Wasser vergessen. Zum sonntäglichen Gerätetraining ist Flüssigkeit essentiell, da laufen selbst im Winter problemlos bis zu 2 Liter durch. Nun gibt es im Trainingsraum einen kleinen, für alle nutzbaren Trinkbrunnen. Das Wasser ist zwar zu kalt und kommt zudem noch aus dem Leitung, doch ist es als Notbehelf ausreichend. Grundsätzlich ist Wasser aus dem Wasserhahn ist nicht so meins, obwohl Wiesbaden eine exzellente Wasserqualität besitzt. Es wird relativ wenig Chlor oder andere Bestandteile zugemischt, es ist sehr weich und schmeckt auch ganz gut. Doch mein Magen verträgt es nicht wirklich, also meide ich es. Ich schweife ab, Wasser vergessen => Training => Durst => Wasserspender. Blöd war nur, dass der Spender im Trainingsraum defekt ist und ich es nicht übers Herz bringe, mich aus der Herrentoilette zu versorgen. Einer der Trainer machte den Vorschlag doch kurzerhand im Saunabereich hinein zu schlüpfen und dort fix zu trinken. (btw. Beim essen nennt man es satt, wenn man ausreichend gegessen hat, wie ist das entsprechende Attribut beim Trinken? abgefüllt?)

Die Idee ist gut und so beginne mit der Schinderei. Es läuft nach 2 Wochen Pause gar nicht mal schlecht und hangle mich leicht ächzend durchs Programm. Bei meinem 3. Gang zum Wasserspender im Vorraum der Sauna ist dort nun Betrieb. Drei Männer, vier Frauen in Handtüchern gehüllt verlassen die Sauna, begleitet von dampfende Wolken die durch die geöffnete Saunatür strömen. Mit Sauna habe ich nichts auch am Hut, mir wird die Luft zu eng und ich fühle mich körperlich unwohl in dieser Umgebung.Egal, bei meinen zwei vorherigen Gängen zum Wasserspender lief ich an der Wand entlang, den Blick zur Sicherheit nach unten gesenkt, direkt zum Spender und auf gleichem Weg wieder raus. Niemand sollte sich kompromittiert fühlen. Die Gruppe nimmt erfreulicherweise keine Notiz von mir, zumal der Spender auch weiter vorne am Eingang in ausreichender Entfernung der hölzernen Ruhebänke liegt, die die Gruppe nun zielstrebig ansteuert. Nur eine etwas mollige Dame schaut irritiert zu mir hinüber. Im Augenwinkel bekomme ich mit, wie sie einen in ihre Nähe dahin schlurfenden Mann anstubst und auf mich zeigt. Den Angestubsten juckt es nicht was sie ihm zuflüstert und legt sich lieber schwer seufzend auf einer der Holzbänke. Er zupft sich das Handtuch an der Hüfte zurecht, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und liegt entspannt. Nach einem Zögern tritt sie (ca. 160cm und mit geschätzten 90kg) forsch an mich heran, das Handtuch unnötigerweise noch weiter über das üppige Dekolletee ziehend, mit beiden Händen fest an sich gepresst. Ihre dunkle Stimme fragt mich, was ich hier zu suchen hätte. Nichts erwidere ich, ich möchte nur erneut an den Wasserspender. Sie gibt die Echauffierte, das dies der Saunabereich wäre und es so nicht geht. Die Bitte sich nicht aufzuregen, dass ich nur Durst habe und der Wasserspender draußen defekt sei, ficht sie nicht an. Ich solle gefälligst sofort gehen. Ja sicher doch, lasse ich sie wissen, direkt nachdem ich getrunken habe. Sie rückt das Handtuch unnötigerweise erneut zurecht, schaut mich schnaubend an, wartet bis ich fertig getrunken habe und begleitet mich mit ihren Blicken zum Ausgang.

In meinem Rücken schallt es dann plötzlich „Spanner“. Na, das lasse ich so aber nicht gelten. Ich bleibe stehen, drehe mich und mache einen Schritt zurück auf sie zu. Was bitte, frage ich im bewusst lanciertem aggressiven Unterton. Und falls sie es nicht verstanden haben sollte, frage ich noch einmal, wie sie mich gerade genannt hat? Spanner sagt sie frech erneut, weicht aber etwas zurück reckt aber dafür das Schwabbelkinn nach vorne. Mein Kopf legt sich eine möglichst verletzende Antwort zurecht, als der liegende Mann auf der Bank wütend ruft, sie solle jetzt endlich Ruhe geben, keiner wollte ihr etwas weg schauen, ich hätte doch gesagt, das ich nur Durst hätte und der  Spender draußen kaputt wäre und in der Sauna würde sie auch ganz nackig hocken und sie solle sich nicht so anstellen Das alles im besten hessisch.

Ok, da muss ich nichts mehr drauf erwidern, ich nicke ihm dankend zu, er zurück und sie beginnt nun in seine Richtung zu keifen. Besser ich schleiche mir raus, nur keine extra Aufmerksamkeit erregen jetzt. Ich höre noch, wie er sie auffordert endlich still zu sein, denn ich wäre doch schon weg und sie hätte es schließlich überlebt. Sie soll doch jetzt ruhig sein, bei dem Lärm könne er nicht entspannen. Seitdem werde ich mit ein paar echt wütenden Augen bedacht, sobald mich die Dame, die auch augenscheinlich an Umfang etwas zulegt hat, im Geräteraum sieht. Zur Strafe halte ich manchmal demonstrativ meine Wasserflasche hoch, die sie aber keines Blickes würdigt: einmal Spanner – immer Spanner.

14 Gedanken zu „Durst

  1. Hihi, im Osten wäre Dir das nicht passiert. Da wirkt noch die FreiKörperKultur der DDR nach. Böse Zungen behaupten allerdings, dass FKK bei uns hinter der Mauer nur deshalb so verbreitet war, weil es nichts zum Anziehen gab. Also ehrlich!!! Kartoffelsäcke waren immer verfügbar (denn es gab ja keine Kartoffeln).

  2. Wo manche Leute ihre sinnlosen Aggressionen hernehmen. Mich hat mal zu Studienzeiten eine Kommilitonin ganz böse angefaucht, weil ich mich am 6. Dezember als Nikolaus verkleidet hatte. Vielleicht hat einfach nur jeder seine Themen, bei denen er empfindlich reagiert.

  3. also 90 kg bei 160 m Höhe ist je recht schlank, um nicht zu sagen dürr.
    aber wo gibt es so hohe Saunen?
    (oder Saunas?)
    Fragen, Fragen …
    😀

  4. @cutter
    Die Geschichte mit den fehlenden Kleidung als Erklärung warum FKK in der ehemaligen DDR derart etabliert war, habe ich auch schon gehört. Ich glaube sie aber nicht. 😉

    @Muriel
    Allemal hat jeder seine Empfindlichkeiten auf die er mit unterschiedlichem Stresslevel reagiert. Etwas mehr Gelassenheit schadet indes niemandem.

    @noch ein Markus
    „recht schlank“ ist subjektiv. Bei 160cm lichte Höhe haben 90kg einen gewissen Bojencharakter. 😆

  5. Du hast aber 160 METER geschrieben 😀

    Bei der Größe fällt mir dann der Witz ein, wo sich eine Frau beim Chef beschwert, Herr xy würde sie sexuell belästigen. Der Chef fragt, wie er sie denn belästigen würde und sie meint, er wiederhole des öfteren, wie gut ihre Haare doch riechen. Der Chef meint, das sei doch nichts schlimmes, nur ein harmloses Kompliment. Die Frau: „Ja aber Herr xy ist doch Liliputaner!“ 😈

  6. Die sattgetrunken Variante heißt laut Duden wohl nun sitt. Ich erinnere mich, dass es da vor Jahren mal einen Aufruf/Wettbewerb gegeben hat, um für „Durst gestillt“ einen Begriff zu finden.

    Und hey, nix gegen 160cm Körperhöhe 😉
    Aber so biestige Weiber & Kerle findet man allerorten.

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