Erklärungsnotpflicht

Im Ort gibt es schon lange keine Post mehr, sondern nur noch eine Postagentur. Das ist eine wie auch immer entstandene Ecke in einer kleinen Schneiderei, die sich rein durch das verstärkte Aufkommen von greller gelber Farbe verrät. Lustig ist, dass man trotz stark beengter Verhältnisse noch eine ‚Wartefläche‘ ausweist, die 80 cm hinter dem Tresen beginnt. Sie endet vom Tresen aus gerechnet bei ca. 100cm, bei 105cm steht man zur Hälfte in einem Schrank mit Kleidung, die voller mit Stecknadeln angehefteter Zettelchen ist, vermutlich Änderungsanweisungen und Eigentumshinweise. Es prangert ein Poster mit der Ermahnung „Bitte Abstand halten“, für den Aufsteller war kein Platz mehr. Um einen herum surren dann noch 3 Nähmaschinen, bedient von einem düster aussehenden Menschen südländischen Charakters. Er sieht mich mit seinen freundlichen Augen an und murmelt etwas wie „Hallo“, oder so etwas. Dann steckt er seinen Nase wieder in Nadel und Faden und einem kompliziert aussehenden schwarzen Stoffknäuel.

Vor mir steht eine Frau in Hochwasserhosen (Marlene Dietrich Schlagausführung) am gelben überladenen Tresen. Sie bekommt erklärt wie man im Internet per Sendungscode verfolgen kann, wo ihr Paket justemang gerade st. Es ist weder einfach zu erklären, noch zu leicht verstehen, „ist aber schon eine tolle Technik“ meint sie. Sie geht und wie schälen uns aneinander vorbei. Die Nische ist vollgestopft mit gelbem Zeugs, Kisten und allem möglichen Plakaten, Paketschachteln, Hängeschränken. Es sind schiefe Baumarkt-Wandregale mit den wohl unvermeidlichen Zubehör, den heute jede Agentur zu verkaufen hat, Paketband, Umschläge, Hefte, Papier, Bürokrams bis hin zu Postkarten.

Ich möchte gerne mein Päckchen abholen, weil ich Dussel einen Artikel bestellt habe, der eine Authentifizierung erfordert (also +18) und es nach Hause, anstatt mir ins Büro habe schicken lassen. Den Zettel und meinen Personalausweis nimmt sie lächelnd entgegen, sie geht in die Knie und kruscht unter der Theke herum. Sie legt alles wieder auf den Tresen zurück, dazu kommt noch mein Päckchen. Sie vergleicht Aufkleber mit dem Perso und schaut mich dann ganz komisch an, also so komisch komisch. Auf dem Päckchen steht „nur gegen Authentifizierung abgeben“, wie es bei Spielen (links)  die nicht an Minderjährige ausgegeben werden dürfen, nun mal aufgeklebt wird. Sie schaut schon wieder so komisch, als sie mir den Zettel für meine Unterschrift, zwischen einem Kaffeekassenschwein und mehreren Prospektaufstellern hinüber  schiebt. Ich fühle mich ungemütlich, sie glaubt bestimmt es ist was ‚perverses‘. Es kann mir eigentlich egal sein was sie denkt, ist es aber nicht, denn der Blick geht ins Zentrum, ich muss es unbedingt klarstellen. „Das ist ein Spiel“ sage ich und könnte mir direkt schon auf die Zunge beißen, denn es war ein Fehler überhaupt etwas zu sagen. „Ja ja“, erwidert sie lapidar gelangweilt, „muss man ja heute auch aufpassen, gell?“ Wäre ich nur still geblieben., aber nein ich kann ja die Schnüß mal wieder nicht halten. Dann schaut sie mich schon wieder so komisch an. Bevor ich mich noch lächerlich mache und das Spiel vor Ihren Augen auspacke, verlasse ich den Laden, ziehe den Mantelkragen hoch, bekomme einen kurzen Hals und ziehe meinen Hut etwas tiefer. Macht man ja wohl so, so peinlich das.

18 Gedanken zu „Erklärungsnotpflicht

  1. Ich weiss so verdammt genau, wie du dich gefühlt hast. Ich tendiere gelegentlich nämlich auch gerne zu freiwliigen rechtfertigungsversuchen aufgrund von Vermutungen, was im Kopf meines gegnübers gerade vor sich geht. Man könnte sich in den Hintern beissen, schon bevor man sein Rechtfertigungssatz zu Ende gebrabbelt hat. Interessanterweise ist das aber wohl ein Automatismus, mir zumindest wird erst im Nachhinein bzw. mittendrin klar, dass ich „es“ wieder getan habe.

  2. @quadratmeter
    Ja, so in etwa. Man weiß genau, die Klappe zu halten wäre besser, dennoch lässt man es heraus purzeln. Es ist ein Fluch, wir können nichts dazu. 😉

    OT: Akismet ist wirklich sehr empfindlich in letzter Zeit.

  3. Oha, kenne ich. Ich bekam mal ein Päckchen von einer guten Bekannten von mir… aus Flensburg!
    Sie hat leider die Angewohnheit, den vollständigen Absender nie mit auf auf das Päckchen zu schreiben. So das ein jeder denkt, das diese Sendung von jenem in Flensburg beheimateten Versender für besondere Dinge stammen müßte.
    Der Postbote, der mir seinerzeit dieses Päckchen an der Wohnungstür überreichte (damals gab es noch keine Packstation) dachte das seinem Blick nach zu urteilen auch.
    Übrigens vermute ich ja, das besagte Bekannte das absichtlich macht, das mit der teilweise fehlenden Adresse auf ihren Päckchen.

  4. @quadratmeter
    Ne, muss man nicht verstehen.

    @AndiBerlin
    Das ist ganz schön — ja was eigentlich?—- freundlich hinterhältig? 😆

  5. Das kenne ich auch so, nur dass die „Rechtfertigung“ alles nur noch „schlimmer“ macht. Ich fand hier einst ein Los auf der Straße. Vermutlich ist es jemandem runter gefallen oder er hat es versehentlich weggeworfen, denn es war Gewinn darauf. 5 € sind 5 €, also ging ich in die nächste Lottoannahmestelle und wollte es einlösen. Der Mann hinter dem Tresen wollte meinen Ausweis. Ich habe ihn auch gegeben, jedoch noch im Überreichen betont, dass ich weder aussehe wie minderjährig und er könne es gern nachprüfen mit Ende Zwanzig auch nicht minderjährig sein kann. Besser wäre gewesen, ich hätte nichts gesagt, in dem Moment formte sich dem Blick nach zu urteilen im Kopf nämlich eine große Unterstellung. (Ich sehe übrigens auch nicht aus wie 18. Es kommt beim Raten immer mal wieder auf 25, 26, doch selbst das ist deutlich über 18).
    Ich bekam desweiteren im Januar hin und wieder Nahrungsmittelpakete aus Bielefeld, wo eine Freundin jetzt wohnt, und dort steht eine Fabrik für Sachen für die die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung wirbt. Der Absender ist vollständig, doch der Vorname „Nancy“ (sie hat sich den nicht ausgesucht) scheint bei der Post für gewisse Assoziationen zu sorgen.

    OT: Dieses Spiel, ist es diesen Spielzeug von dem du vor einiger Zeit in den Shorties geschrieben hattest? Da hattest du ein Spielzeug bestellt.

  6. @Charlotta
    Sich rechtfertigen zu wollen und gar nicht zu müssen, wo das wohl ausgelöst wird. Weil es ja nicht überall passiert. Sehr komisch das.

    OT: Das PS3-Spiel wurde vor 2 Tagen bestellt. Du meinst vielleicht den kindischen Unfug aka. das Decal fürs MacBook?

  7. Das letzte Mal, das mir sowas passiert ist und ich meinte, mich rechtfertigen zu müssen, war vor einigen Jahren im Supermarkt, als ich eine Flasche Hochprozentiges besorgt habe. Ich war damals schon über 18, und sah eigentlich auch so aus, trotzdem musterte die Verkäuferin mich so lange, bis ich freiwillig meinen Ausweis gezückt habe…
    Was ich mich übrigens auch frage: Warum müssen Präservative mitten im Einkaufsladen hängen und nicht irgendwo in einer stillen Ecke :donno: ? Und warum muss man ausgerecht dann jemand Bekanntes treffen, wenn man gerade just vor diesem Regal steht? (Offiziell habe ich übrigens die darüber hängenden Pflaster gemustert… 😉 )

  8. @Charlotta
    Ach doch schon, irgendwie. 😉

    @Special Agent Gibbs
    IMHO müssen die Präservative so offen im Laden hängen, das gehört so, da muss jeder durch. Ist aber nur beim ersten Mal schlimm, danach geht es. 🙂

  9. höhö, mein Paketbote in der Firma hat mich auch blöd angeguckt, als ich eine Sendung nur mit dem Ausweis annehmen durfte. Natürlich hab eich auch was von Film und überhaupt erzählt. Immerhin spricht er noch mit mir 👿 Dieser Drang zum Rechtfertigen ist echt übel …

  10. @AndiBerlin & quadratmeter
    OT: Leider zurecht. Es wurde wieder ein massive Attacke gefahren, die den Server über Stunden in die Knie gezwungen hat. Trotz alle Vorsorgemaßnahmen schafft es dieses Arschloch immer wieder, meinen Server in die Knie zu zwingen. Dieses Mal kam die Attacke aus dem südamerikanischen Raum und war rein auf den WebServer ausgerichtet. Irgendwann macht er einen Fehler und dann werde ich mich mir den Kerl greifen.

    @Andrea
    soso, als Ausrede einen Film genannt. 😛 😉

  11. Saints row 2? Hast Du GTA IV schon durch? 🙂
    Ansonsten kann ich Assassins Creed II empfehlen, das eignet sich auch sehr gut zum abreagieren nach langen Arbeitstagen. 🙂

  12. @Silencer
    Die beste Tochter von allen gibt den Takt derzeit vor, sie hat GTA-VI durch, ist im AC-I schon sehr weit. Jedenfalls bat sie um Recherche nach einem ähnlichen Spiel. SR2 ist ein Stück härter aber scheinbar nicht schlecht. 2 Tage => 8 Stunden Spielzeit. *sigh* Ich hadere weiterhin noch mit mir und dem ungewohnten Genre. Außerdem komme ich auch nicht an die PS3, das nennt man Pech und wird ausgelöst von „wer zuerst kommt“. :donno: AC-II steht gnaz oben auf der Liste, direkt nach AC-I. Bis ich soweit bin, hat auch hoffentlich der Gebrauchtmarkt reagiert.

  13. Ich habe AC2 als erstes gespielt und gerade erst AC1 beendet. Hätte ich mit AC1 angefangen, hätte ich den zweiten Teil wohl ignoriert – die immergleichen Aufgaben in Teil 1 sind zum abgewöhnen, macht alles wenig Spass.

    Von „Saints“ habe ich viel Gutes gehört. Deine Tochter muss ja eine echte Hardcorezockerin sein.

  14. @Silencer
    SR2 macht ihr schon Spaß und ich verdächtige sie auch des Hardcorezockens. Sie legt ein Tempo und einen Spaß am spielen an den Tag, den ich so noch nicht von ihr kannte, schon teilweise zu meinem Leidwesen möchte ich noch anmerken. *hmpf*

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