Ich bin

Bei Anke Gröner habe ich eine Sache (Stöckchen?) aufgeschnappt, die (das) ich nach zögern nun doch angehe. Gezögert habe ich deswegen, weil ich hier privat bin und das Geschäftliche heraus halten möchte. Weil es jedoch für mich sehr interessant war die Liste zu studieren und die Profession eines Einzelnen schon immer interessanten Gesprächsstoff aufgibt, versuche ich mich in einer Ausnahme:

1. Was machst du beruflich?

Ich bin Kundendienstleiter eines kleinen Softwareunternehmens.

Die Funktion darf man getrost auch als interaktiven Blitzableiter bezeichnen, weil man stets als Personifizierung des Unternehmens wahrgenommen wird, mit dem der Kunde sich ‚eingelassen‘ hat. Als Kundendienstler hat man jede Entscheidung, jedes Produkt, jede noch so kleine Kleinigkeit im Namen des Unternehmens nach außen hin zu vertreten und letztlich das Beste daraus zu machen. Die Anlage des Berufes macht es aus, dass man weniger mit den positiven Umständen in Kontakt kommt (wer kontaktiert schon den Kundendienst, wenn alles tut wie es soll?). Insofern braucht man im Kundendienst jeden Tag ein dickes Fell und ein Gemüt, das auf festen und sicheren Grundfesten ruht.

Es geht darum Fragen und Probleme, die beim Einsatzes eines Produktes auftreten/entstehen können, zu beantworten und zu lösen. In diesem Zuge benötigt der Kundendienstler zudem ein stets offenes Ohr für alle Arten von Anfragen/Ärgernissen/Funktionshinweisen, Würmer ziehen/Frage-Antwortspielchen sind eine Spezialität die jeder beherrschen muss, er muss im Problemfall immer für mindestens 2 denken, er muss globale Hilfetexte als Essenz aus den Anfragen entwickeln können, die Entwicklung/das Produktmanagement auf Schwächen oder Mängel des Produkts hinweisen und und und. Das Aufgabengebiet ist recht vielfältig und wechselt auch in den jeweiligen Ansprüchen.

2. Was ist gut – was ist nicht so gut daran?

Gut ist jemandem zu helfen, aktiv an Lösungen von Problemen arbeiten zu können. Das sorgt für eine gewisse Befriedigung. Es macht Spaß die Probleme anderer zu lösen, dazu beizutragen ein Produkt zu verbessern, neue Sachen zu lernen und auch den Unbedarften neues Wissen zu vermitteln, bzw. zum Nachdenken anzuregen.

Es ist gut auf Fragen die richtigen Antworten zu haben, sein Wissen und Können immer wieder zu testen, oder bei komplexen Situationen aus dem eigenen Schleudern letztlich doch mit der richtigen Rat/Tat weiter zu kommen. Dann Dankbarkeit und Zufriedenheit zum empfangen ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Dies zu erfahren hilft viel Unangenehmes im Tagesgeschäft vergessen machen, es ist Bestätigung und Stolz zugleich.

Zu viele nutzen die komfortable Anonymität im Internet aus, um ihre mangelnde Erziehung oder nicht vorhandene Umgangsformen hemmungslos ausleben. Mit den extremen Vertretern dieser Zunft umzugehen ist meist mir vorbehalten, auch weil man mir große Ruhe und viel Geduld nachsagt. (btw. nahezu immer sind es Männer die sich daneben benehmen, Frauen sind stets höflich und auch wenn der Leidensdruck groß ist, nahezu immer sehr anständig im Umgangston). Solche Gespräche/Vorgänge verzehren viel persönliche Kraft auf Seiten des Kundendienstlers. Jedem sei sein Unmut oder Frust auf was auch immer natürlich zugestanden, dennoch macht der Job in dem Falle gar keinen Spaß.

Ebenso macht der Job keinen Spaß, wenn falsche/fragwürdige Entscheidungen (Releaseverschiebungen, verschobene Bugfixes, …) des Unternehmens auf dem Rücken der Kunden und des Kundendienstes ausgeritten werden. In solchen Situationen verliert jeder die Lust, sowohl die Kunden als auch der Kundendienstler. Aber da muss man durch.

Gut ist dass man viel zu lachen hat, sofern es im Team funktioniert. Es treten aberwitzige Situationen und Umstände auf, die schrägsten Vögel, unmögliche Verhaltensweisen und Aussagen, die im Auftreten und in der Sachlage urkomisch sind. Lachen gehört außerdem zum Geschäft, sonst sollte man es nicht machen. Gut ist auch, das man selbst viel lernt und natürlich nach Herzenslust nerden kann.

Lernresistenz und mangelndes kausales Verständnis auf Kundenseite ist unglaublich weit verbreitet ist und der Kundendienstler muss das immer wieder aufs neue ausgleichen. Der Punkt, an dem ein Kundendienstler schlicht mürbe wird und nicht mehr mag/kann, kommt meist sehr überraschend. Sobald es einen erwischt, kann man dran zerbrechen, wenn man nicht auf sich aufpasst. Diese Zeit macht definitiv keinen Spaß.

3. Was wäre Dein absoluter Traumberuf?
Musiker glaube ich.

4. Warum gerade dieser?
Seit ich mich entschlossen habe im durchaus fortgeschrittenen Alter noch klassische Gitarren zu lernen. Es fühlt sich so gut, so richtig gut an, die Gitarre auf den Knien zu haben und ihr kontrollierte Töne und Klangfolgen zu entlocken. Derzeit bin ich noch unglaublich weit davon entfernt das Instrument auch nur im Ansatz zu beherrschen und doch kribbelt es im Rücken, auf Höhe der Hüfte, wenn sie klingt und ich etwas sinnvolles gespielt habe. Dann sagt mir mein Bauch, dass ich ‚mein Ding‘ gefunden habe.

Also dann, ich bin Kundendienstler. Und das mit Herz und meist sehr gerne.

Wer mag sich beteiligen möchte, ich würde mich sehr drüber freuen.

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12 Gedanken zu „Ich bin

  1. Stimme Katja zu, vielen Dank. Ich werde das Stöckchen dennoch nicht aufnehmen weil ich glaube über meinen Beruf habe ich so vieles im Reisetagebuch, da fänden das alle langweilig.

  2. @Katja
    bitte sehr. 🙂

    @Charlotta
    :critic: es wäre konzentriert und nicht über x-Beiträge verteilt. Doch will ich nicht insistieren. 🙄

  3. Danke für die tiefer gehenden Jobeinblicke. Interessant und nach meinem persönlichen Eindruck sehr authentisch. Ich bin mir noch nicht klar darüber, ob ich das Stöckchen aufnehme. Eventuell kann ich es mir als schreibgeschützten Beitrag mit Zugang für meine regelmäßigen Kommentatoren vorstellen 😉

  4. da ich auch als CC-Agent arbeite (und das seit fast 13 Jahren Inbound) könnte ich 1 & 2 kopieren *kicher* und müsste nur 3 & 4 beantworten 😉

  5. @tonari
    bitte sehr. Das würde mich freuen, denn die Beschreibungen bei Anke lesen sich sehr interessant. Und außerdem bin ich auch etwas neugierig. 😉

    @Renee
    😆 13 Jahre schon. *wow* Dein „Fell“ ist dann sicherlich ebenso beachtlich. Ich bin jetzt seit 22 Jahren allgemein im Kundendienst. :top:

  6. Weißt du was? Ich schreibe mir die Fragen auf und überlege es mir. Denn wenn ich es mir genau überlege, dann war ich schon sehr gern Schuhmacherin, also könnte ich vielleicht zu 3. und 4. sagen etwas sagen. Das sich noch nicht im Reisetagebuch findet.

  7. schwer zu sagen, ich vermute mal, die dazwischen, die übertragungsleitung.
    Ich wollte nur danke sagen für die spannende Beantwortung. Und dass sich das liest, als ob der Job wie für dich gemacht wäre, schön!

  8. @podruga
    Die Matrix also, schon wieder. :critic:

    Bitte gerne, die Beschäftigung passt tatsächlich sehr gut, auch wenn nicht immer eitel Sonnenschein ist. Aber wo ist es das schon.

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