Und dann war da noch

der Mensch, der gelassen das eine Bein auf dem anderen schlagend, auf einer Parkbank in der Grünanlage seinen Becher Kaffee in der einen Hand, ein Stück Backwerk in der anderen Hand hält und genießt. Scheinbar beides überdrüssig lässt der Mensch die Sachen unverbraucht auf der Parkbank stehen, den Mülleimer ganze 4(!) Schritte von seiner bequemen Sonnenposition entfernt, ignoriert er geflissentlich. Es wird schon jemand wegräumen. Ich sitze auf einer anderen Parkbank, ca. 5 Meter von seiner Bank entfernt und fühle die Sonne im Gesicht und den Milchkaffee in der Kehle. Er geht auf dem geschlängelten Weg, fischt dabei ein Handy aus der Jeans und tippert drauf herum, während er weiter geht und aus meinem Sichtfeld verschwindet. Jeder Schritt knirscht unter seinen Schuhen, bis es außer den zwitschernden Vögeln und dem leichten Rauschen des Wasser aus dem Brunnen in der Nähe still wird.

Eine alte Frau schlurft denselben Weg in entgegen gesetzter Richtung entlang, späht vorsichtig und immer vorher in die Runde schauend, in jeden am Wegrand stehenden Mülleimer. In manche greift sie hinein, fischt dort eine Zeitung und dort etwas für mich undefinierbares heraus. Sie verstaut alles in einer Plastiktüte und wischt sich sorgfältig die Hand an einem Tuch ab, dass sie zaghaft aus der Tüte holt. Sie ist gut angezogen, keine Lumpen, keine fleckige Kleidung und saubere Schuhe. Sie sieht die Parkbank mit dem Becher zusammen mit dem Backwerk und setzt sich auf die Nachbarbank. Dort warte sie, schaut sehr vorsichtig in die Runde. Nach 2-3 Minuten wechselt sie auf diese Bank. Der Becher und das Backwerk versteckt sie hinter ihrem Rücken, bleibt aber vorsichtig. Ihr Gesicht ist gezeichnet von tiefen Furchen, die Augen wach aber tief in den Höhlen, die grauen Haare stramm und sauber am Hinterkopf verknotet, einen grüne Klammer ist über dem Dutt gesteckt, die Lippen schmal und blass. Sie schaut mich an, traut sich nicht. Ich sage ihr, dass der Eigentümer die Sachen stehen gelassen hat und sie sie nicht verstecken muss. Sie lächelt mich schief an, die Vorderzähne blecken über die Unterlippe. Der Gesichtsausdruck wechselt ins jagdglückliche, die Zunge schleift vorfreudig über die Lippen, als sie den Becher ansetzt und den Kaffee trinkt. Die Augen schließen sich genüsslich und strahlen mich an, als sie sie wieder öffnet während sie den Becher absetzt. Das Backwerk wandert zu den anderen Sachen in die Tüte. Sie steht auf und wirft den leeren Becher in die Mülltonne, dann schlurft sie weiter. Auf meiner Höhe wünscht sie mir mit einem schweren osteuropäischen Akzent noch einen schönen Tag. Ich stelle meinen Kaffeebecher ab und nessle in der Hosentasche, denn entgegen meiner Überzeugung möchte ich der alten Frau ein paar Euro geben, sie berührt mich. Sie sieht meiner Hand im Gehen nach und macht eine eilig abwehrende Handbewegung. „Lassen Sie mal, ich hab alles was ich brauche. Vielen Dank.“ …… Es braucht nicht viel, um Eindruck zu machen.

17 Gedanken zu „Und dann war da noch

  1. Endlich müsste ich das ja als Wortfoto empfehlen, dann bekämet ihr morgen jedoch keinen 500. Otterpost. Also wird es warten müssen. (Deshalb weil ich um den Post zu machen auf den Scanner warten muss, ich habe etwas Anguckbares für euch).

  2. Sehr schön geschrieben. Ich werde zukünftig nicht verzehrtes Backwerk auch auf Parkbänken drapieren, vielleicht macht das ja einer alten Dame eine Freude. 😀

  3. Das ist schon beinahe ein Lehrstück zum Thema Zufriedenheit auf der einen Seite und zum Thema Maßlosigkeit auf der andere Seite.

    Du hast das so schön geschrieben und sehr aufmerksam beobachten, mich hat das sehr berührt. 😳

    Danke fürs Erzählen. :hug:

  4. Traurig. Bewegend. So sollte es nicht sein…
    Unachtsamkeit, Ignoranz, Arroganz auf der einen Seite,
    Armut, Hunger, Not auf der anderen.

    Mich macht so etwas wütend… aber man merkt auch, wie hilflos man selbst ist.
    Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte in dieser Situation… :donno:

    LG 😉

  5. Ich glaube, Glück und Zufriedenheit muss man sehen (wollen) und erkennen (können) um es zu empfinden. Und es ist immer wieder schön, zu bemerken, dass es dafür keine großen Dinge oder Gesten braucht.

    Dankesehr für’s erzählen :hug: , mich hat das sehr berührt.

  6. Respekt. Die Frau zeigt auch in anscheinend schwerer Zeit eine Würde, wie sie vielen besserbetuchteren heutzutage abgeht. Wahre menschliche Größe, vor der ich mich verneige.

  7. Rüdiger, ich war und bin sehr berührt von dieser Geschichte, fast schon betroffen. Im Vergleich zu meiner Jugendzeit sehe ich immer mehr Leute, die in irgendwelchen Behältern nach Brauchbarem suchen. Und dazu auf der anderen Seite dieser Luxus, über den ich mich gerade vor kurzem ausge“postet“ habe.
    Ich kann vor der Frau nur den Hut ziehen!

  8. Schön gesehen/erlebt und schön wiedergegeben.
    Es sind die kleinen Begegnungen, die plötzlich groß werden und das eigene Leben reflektieren.

    Tanya, sich dem Danke anschließend

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