einen Moment bitte

Auf dem Weg zum Startpunkt meiner Parkrunde spricht mich eine kleine alte Frau an. Sie war sicher einmal sehr hübsch, denn etwas davon ist immer noch zu sehen. Die langen weißgrauen Haare sind zu einem unordentlichen Knoten am Hinterkopf vertäut, sie winkt mich mit einem ihrer dünnen Ärmchen an und bitte mich mit leiser Stimme doch bitte einen Moment zu warten. Sie wackelt etwas beim gehen, vielleicht auch deswegen sucht sie mit der einen Hand stets Kontakt zu dem halbhohen Zaun an dem sie entlang geht.  Sie fasst ihn nicht an, hält nur den Arm ausgestreckt und die Hand bereit. Ich gehe ihr einen Schritt entgegen, sie wedelt mit der anderen Hand, ich solle dort stehen bleiben. Als wir uns gegenüberstehen, blickt sie etwas hoch zu mir, begrüßt sie mich sehr höflich und bietet mir 5 Euro an, wenn ich ihr doch bitte kurz zu Hand gehen könne. Sie wolle den schönen Tisch von der Terrasse doch lieber im Keller haben, weil ja bald der Winter kommt und er wäre zu schade. Ich versichere ihr, dass ich ihr nur ohne Geld helfen möchte, sie ignoriert dies und kramt in der kleinen Geldbörse, die sie plötzlich in der Hand hat. Erst als ich sie bitte dies zu lassen, weil ich kein Geld nehmen werde, verschwindet die Börse zögerlich aus meinem Blickfeld. Mit einem etwas schiefen Lächeln schaut sie mich an, die Augen scharf, das Gesicht mit tiefen Falten gezeichnet. Sie lächelt mich vorsichtig an, ist fast verlegen wie sie so zu mir hoch schaut, das Rouge auf ihren Wangen ist nicht ganz gleichmäßig verteilt. Sie berührt mich am Arm, tätschelt sachte und wackelt weiter den Zaun entlang, ich möchte ihr doch bitte folgen. Sie wäre mir so dankbar, sonst hätte das ja ihr Mann gemacht, doch der wäre ja nicht mehr und sie könne nach dem Schlaganfall nicht mehr so wie früher alles alleine machen.

Wir kommen zu ihrem Haus, es ist ein großes und sehr schönes Haus. Wir gehen durch den gepflegten Garten und bevor sie endgültig die Tür öffnet, schaut sie mich noch einmal über die Schulter an und schließt dann auf. Sie führt mich quer durch Haus auf die Terrasse, zeigt mir dort den Tisch. Sie wirkt verlegen, zupft leicht am Bund an der himmelblauen Stickjacke. Der Campingtisch ist schnell zerlegt und zusammengepackt, sie redet in leisen Worten, erzählt vom letzten Jahr als vorne im Garten wo noch das Loch im Boden ist, der alte Baum in den Carport krachte, wie gerne sie im nahen Park spazieren gehe, auch jetzt noch wo sie alleine ist, und und und. Die Stimme ist immer kurz vor dem Kippen, aber doch auch irgendwie klar und hell. Ich höre ihr gerne zu, unterhalte mich während ich den zerlegten Tisch zum Abtransport bereit lege. Sie sieht es, greift sich ohne mit dem reden aufzuhören die losen Tischbeine, das hätte sie schließlich bei ihrem Mann auch immer so gemacht und geht los. Im Keller angekommen finden wir den Platz wo der Tisch den Winter über stehen soll, sie redet und redet und ist dabei so liebreizend und fast schon niedlich.

Der Tisch ist gut verstaut, sie führt mich wieder zurück zum Gartentor und beginnt erneut an der Geldbörse zu nesteln. Nun fasse ich ihr an die Hand und bitte sie es doch zu lassen. Mir einem kurzen Stirnrunzeln nimmt sie meine erneute Weigerung zur Kenntnis. Sie lächelt mich verlegen an, sie war wirklich eine hübsche Frau früher, ist es heute auch noch, auf ihre bestimmte Weise. Ich halte ihr meine Hand hin stelle mich ihr mit Namen vor, sie ergreift meine Hand und stellt sich mir vor. Ich frage sie, wann sie den Tisch wieder auf der Terrasse haben möchte. Sie antwortet im späten Frühling, sobald es wieder wärmer würde und es sich lohne wieder dort zu sitzen. Dann würde ich beizeiten wieder bei ihr läuten, um den Tisch wieder hinzustellen. Sie nickt nur und bedankt sich mit einem verstärkten Händedruck. Ich solle nun besser rennen gehen, bevor es zu dunkel würde. Sie wäre ja so dankbar, dass es heute geklappt hätte mich anzusprechen, sie hätte mich die ganzen Tage vorher ja schon gerne gefragt, aber da war ich immer zu schnell weg. Ihr Mann hätte heute sicher von oben mitgeholfen, dass ich heute langsamer gewesen wäre. Sie lächelt wieder, mir bildet sich ein kleiner Klos im Hals. Ich verabschiede mich und beginne meine Runde. Als diese zu Ende ist und ich nach Hause gehe, schaue ich rein aus Interesse noch einmal an ihrem Haus vorbei. Sie steht im Fenster hinter der hell erleuchteten Terrasse und schaut irgendwohin in den Garten. Müde gehe ich weiter nach Hause. Manche Menschen hinterlassen binnen kürzester Zeit tiefe Eindrücke.

28 Gedanken zu „einen Moment bitte

  1. Sehr schön geschrieben. Vor einigen Jahren habe ich einer älteren Dame beim Einkäufe-nach-Hause-tragen geholfen. Sie hat mir auch Geld gegeben, ich glaube heute würde ich das auch ablehnen.

    Wie doch ein kleiner Handgriff da und einfach mal zuhören dort soviel „helfen“ können. 🙂

  2. du, jetzt habe ich wirklich einen kloß im hals. danke, dass du die geschichte erzählst, die geht nämlich arg unter die haut. ich freue mich für dich, dass du sie erleben durftest, denn solche begebenheiten haben immer einen sinn für einen selbst.
    du hast innegehalten, nachgedacht, die geschichte aufgeschrieben und du wirst dich weiter an die einsame alte dame erinnern. ich fände es schön, wenn du sie im frühjahr wieder triffst! (vielleicht ja schon eher.)

  3. Danke für diese wundervolle Beschreibung Deines Erlebnisses. Ich hab gerade ein bisschen Pipi in den Augen.

  4. Wow, danke für diese Geschichte und für die detailgenaue Ausführung. Auch aus der Entfernung sehr rührend…

  5. Wie schön, Rüdiger! Ich schließe mich der Kloß-im-Hals-Fraktion an.

    Und ich habe wissend lächeln und nicken müssen an der Stelle, wo sie froh war, dich heute erwischt zu haben. Dass sie gerade dich ausgewählt hat für diese Aufgabe, erschien mir irgendwie sehr verständlich. 🙂

  6. @Graval
    Das passiert mir häufiger, dass alte Damen mich mit Geld um Hilfe bitten. Ich finde das traurig, zeigt es doch das diese Damen glauben, es helfe niemand mehr einfach nur so aus Freundlichkeit. 🙁

    @podruga & cassy
    Das Erlebnis hat noch ziemlich nachgewirkt, ja. Und ich werde spätestens nächstes Jahr bei ihr wieder vorstellig werden, das habe ich mir fest vorgenommen. Da sie an der Laufstrecke wohnt, würde es mich freuen hin und wieder aus der Entfernung sehen zu können.

    @nosupermom & tonari & semmy & Rabenhaus
    merci. 😳

    @Katja & rebhuhn
    Irgendwo in der Blogsphäre (ich glaube bei Tonari) hatten wir es mal davon, dass es einen Typ Mensch gibt, der immer gerne angesprochen wird. Scheinbar bin ich so einer. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass sie mich angesprochen hat.

  7. Das ist wirklich schade, wenn man nur wegen dem Geld helfen will. Denn so falsch liegen diese Damen ja nicht… :/

  8. Ich bin gar nicht sicher, ob das Geld deswegen angeboten wird, weil niemand ohne Bezahlung helfen würde. Ich könnte mir vorstellen, dass es aus Sicht der alten Damen vielleicht auch eine Frage der Würde ist. Die Verlegenheit, einen Fremden um solche Dinge bitten zu müssen, weil man sie nicht mehr selber erledigen kann und auch niemanden hat, der das übernehmen könnte, ist vielleicht weniger groß, wenn man die Bezahlung dafür wenigstens anbietet.
    Ich finde es auch schwierig, um Hilfe zu bitten. Das als ‚Jobangebot‘ zu tarnen, fiele mir auch leichter, weil es eher auf Augenhöhe geschehen kann als eine hilflose Bitte.

  9. Schön geschrieben.
    Interessant, und das meine ich ohne ironischen Unterton, das die alte Dame gerade nur auf Dich gewartet hat und niemanden anders, wo doch bestimmt nicht wenige Leute ihren Weg gekreuzt haben.
    Und nach wie vor habe ich Angst vor dem Älter werden.

  10. Ja, genau bei mir war das mal. Ich weiß nicht mehr den genauen Zusammenhang, aber ich bin auch diejenige, die auf Bahnsteigen, in der Stadt, im Supermarkt angesprochen wird, wenn jemand Hilfe benötigt. Gerne auch in der Form: Können Sie Ihren Mann mal bitten… „

  11. @AndiBerlin
    merci. 😳 Ach die Sache mit dem älter werden … so richtig wohl fühle ich mich auch nicht damit, aber es hilft nichts. 🙂

    @Graval & Katja
    Jupp, doch wie Katja schon schreibt kann man es auch anders betrachten, darauf bin ich nicht gekommen.

    @tonari
    🙂

    @all
    Es mag unangemessen sein und auch auch wieder nicht:

    http://www.youtube.com/watch?v=JUwQx1Dj7KM

  12. @Ruediger, der Caritas Spot ist mir schon vor längerem aufgefallen. Und es hat mich bis dahin kein Spot so berührt wie dieser.

  13. Traurig schön! Das hast du wirklich klasse geschrieben! :top:
    Ich mußte mir gerade erstmal „Geri´s Game“ wegen deinem Beitrag anschauen!
    Lg Kerstin

  14. Süße Geschichte. Vor allem das Sie auf dich gewartet hat.

    Ich als Pfadfinderin freue mich ja immer wenn ich helfen kann. Mich macht das tatsächlich auch glücklich wenn ich von der Bahnlogistik verwirrte Reisende am Automaten helfen kann, alten Damen ihren Koffer aus dem Zug hieve, die Gurken aus dem hoch gelegenen Regal runter reichen kann oder der alten Nachbarin ein paar Meter auf ihrem Weg helfe. Und ich freue mich immer wenn ich sehe dass andere auch gerne helfen, weil es mein Weltbild doch eigentlich bestärkt, dass die meisten Menschen freundlicher Natur sind.

    Das mit dem Geld kenne ich natürlich aus. Prinzipiell will ich auch nie etwas annehmen, aber wenn jemand das partout möchte, nehme ich es. Für manche scheint es der einzigste Weg zu sein, sich weniger hilflos zu fühlen und auf dieser scheinbaren Einbahnstraße der Hilfsbereitschaft auch etwas zurück geben zu können. Ich nehme dass immer weniger als Bezahlung einer Dienstleistung sondern als ein Dankeschön an. Meine Schwester, auch ehemalige Pfadfinderin und durch ihren Beruf noch viel mehr mit dem Problem konfrontiert, hat Geld was sie auf diese Art bekommen hat früher immer gespendet oder für etwas gutes bzw. für andere ausgegeben. Fand ich auch immer nett.

  15. So rührend, und so schön. Danke!

    Danke auch an Euch andere für das Teilen Eurer Gedanken dazu. Dass es schwerfällt, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen, das kenne ich von mir selbst. Umso größer ist das Geschenk, dass sie Dir mit ihrem Vertrauen erwiesen hat und Du mit dem Helfen und Zuhören und Dasein.

    Mir macht das Mut.

  16. ..ich brauch ein taschentuch..

    *räusper*
    ich lese es spät, aber trotzdem ist es eine schöne schilderung, die du hier veröffentlichst. und es ist schön, dass du sie veröffentlicht hast, sie teilst. denn es ist wichtig, dass wir auf solche leute und solche gesten wieder aufmerksam werden.
    wir sind heute so schnell von hierhin nach dorthin unterwegs und nehmen uns nur selten die zeit, mal nach links oder rechts zu schauen. ich hoffe ja, dass es spätestens im frühling eine fortsetzung deiner geschichte gibt.

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