Cassetten

Das auferstandene Fellmonsterchen (thx for Inkonsequenz) hat im Urlaub aufgeräumt und Cassetten gefunden. Katja erinnert sich an Pummel, Charlotta und ich geben auch Senf dazu:

Cassetten waren in meiner Jugend die einzige Möglichkeit ’seine‘ Musik nicht nur in den eigenen 4 Wänden auf Schallplatte zu hören, sondern auch außerhalb, im Auto (vor allem dort), im tragbaren Rekorder oder im Walkman. Die Herstellung einer Cassette war langwierig und aufwendig, weil analoge Technik immer langwierig und aufwendig ist. Man musste sich vorher viele Gedanken machen, welche Stücke man nacheinander aufnimmt, damit die Cassette bei dem Freunden die gewünschte Wirkung erzielt und auch nachhaltig beibehält. Es galt den Ruf zu erwerben „gute Cassetten“ machen zu können. Erst dann hatte man es geschafft und man wurde gefragt, ob man eine Cassette bauen wollte, natürlich nicht ohne Gegenleistung. Diese waren ein Grad der Wertschätzung der Cassettenherstellungsfähgigkeiten. Unbezahlbar.

Ich schwor auf TDK c90 Chrom-Dyoxid und wirklich nur die, alles andere war Schrott und man konnte zwischen all dem Rauschen, das nicht vom Dolby unterdrückt werden konnte buchstäblich „hören“. Unbelehrbare Sparbrötchen waren das, widerlich. Es gab eine sorgsam gehegte Sammlung von etwa 150 dieser wunderbaren C90-iger (=45 Minuten Abspielmöglichkeit auf jeder Seite, weil man die wenden konnte und diese 45 Minuten waren immer(!) zum falschen Zeitpunkt zu Ende, wirklich immer), die mit sehr viel Mühe erstellt wurden. Man musste einer Schallplatte unter Nutzung diffiziler Technik die Töne entlocken und rechtzeitig Aufnahme-Stopp-und-Pausenknöpfe bedienen, dabei den Aufnahmepegel stets im Auge behalten (bloß nicht ins Rote laufen lassen) und sich durch nichts und niemand stören lassen. Man lernte Schallplatten vor deren Aufnahme zu begutachten, inwieweit mögliche Kratzer zu Sprüngen führen könnten,  die dann das gesamte audiophile Erlebnis binnen einer halben Sekunde vernichten konnte. Menschen die in Wohnungen mit altem Dielenboden wohnten, ernteten Mitleid, weil „Laufhüpfer“ die Aufnahmen deutlich kennzeichneten und man sich nicht traute alles von vorne zu machen. Hier wurden auch übrigens die „Bitte nicht stören Schilder“ an den Kinderzimmertüren erfunden.

Als verantwortungsbewusster Mensch, trug man stets einen kleinen Koffer mit den Lieblingcassetten von und zum Auto und hob sich so von den ’normalen‘ Nutzern ab. Auch das zeugte von dem Status, gute Cassetten zu haben und man war wieder vorne. Es gab auch einige Liveaufnahmen aus damaligen Lieblingsdiscos (heute Clubs und ohne die vielen Cocktails), die dem DJ unter erheblichen Einsatz von Standardalkoholika (Vodka, Bier, und so Zeugs) abgetrotzt wurden und ähnlich einer Trophäe nur als Kopie mitgeführt wurden, das Original wurde im Schrank verwahrt, dunkel und trocken. Heute sind es Zeitzeugen der Dancekultur aus den 80igern und den 90igern, wenn man sie noch abspielen könnte.

Und wo sind die Schätze heute? Gut verpackt liegen sie auf dem Dachboden, mangels Abspielmöglichkeit dachte ich schon öfter darüber nach sie zu entsorgen, bringe es aber nicht übers Herz. Noch nicht.

12 Gedanken zu „Cassetten

  1. Ich glaube ich sagte es schonmal: ich kann die Dinger digitalisieren und ggf. restaurieren 😉 Mittlerweile gehen sogar die Mini-Kassetten für Diktiergeräte 😛

  2. … und (fast) jeder junge Mann hat seiner Angebetenen mindestens eine Cassette mit Liedern, die sie gerne hörte, erstellt. Teilweise unter Seelenqualen, da die Musikgeschmäcker oft weit auseinanderdrifteten. 90 min. lang an einem Stück Liebeslieder wie „Careless Whisper“,“ Cherish“ oder „Too Shy“ anhören müssen, haute den härtesten Kerl aus den Pantinen. 😀

    @Broken Spirits: Ich denke, wenn man die Dinger digitalisiert, ist es nicht mehr das Gleiche. Irgendwie ist dann die Nostalgie flöten. 😉

  3. Ein Kenner! :top:
    Dann konntest Du sicher auch nach einiger Zeit anhand des restlichen verbleibenden Bandes in etwa abschätzen, wie viele Minuten man noch aufnehmen konnte? Ich war da richtig gut drin… Ja, ein Lied von ca. 3 Minuten passt noch… Das war bei Aufnahmen von Platte bzw. CD auf MC hilfreich, beim Radio allerdings gefährlich, man wusste ja nie, ob das nächste aufnahmewürdige Lied nicht womöglich 3 1/2 Minuten dauern würde…
    Hatte mir auch schon mal überlegt, mir ein Digitalgerät zu kaufen, so wie ich es für Schallplatten habe, aber ich glaube, dass ich die meisten Lieder, die mir auch heute noch gefallen, mittlerweile eh auf der Platte habe. Und trennen würde ich mich trotzdem nicht von meinen geliebten Cassetten. Ach ja, so ’ne DJ-Specialmixe sind da auch noch irgendwo zwischen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich, dass ich das alles mal in Ruhe sichten müsste und in einiges noch mal reinhören sollte.

  4. @Cassy
    Erst wenn die Tränen flossen wusste man, diese Cassette ist gelungen. :hachz:

    @Fellmonsterchen
    Absolut, die Restmenge des aufgewickelten Bandes im kleinen Fenster einzuschätzen war ein meiner Spezialitäten. :top:

  5. und dann gab´s da noch die Sache mit den Geschwistern, von denen reichlich an der Zahl, garantiert eine oder einer Willens war, dir die aufgenommene Lieblingskassette zu mopsen, um sie mit eigener Musik zu überspielen… 👿 und auch kann ich mich erinnern, dass einige Geräte die schmalen Bänder fraßen und man ewig und drei Tage brauchte, die wieder aus dem Gerät zu pulen und dann musste womöglich ein Stück Band herausseziert werden… 😯 und ich kann mich daran erinnern, dass wir – Jahre zuvor – aus einer Nadel und einem Stück Papier ´ne Art Grammophon bauten, wenn die Nadel vom Plattenspieler hin war… 😀

  6. @Rabenhaus
    Der Bruder wagt sich nur einmal an den Schätzen zu vergreifen. Ich hatte einen Telefunken Radio-Cassettenrekorder (click), der ebenso diese Angewohnheit hatte. Das Ding habe ich bestimmt 2 Dutzend Mal zerlegt, um das gefressene Band zu entknäulen und so zu retten. Dann hat man das Band künstlich gespannt und für einige Tage auch auf Spannung gehalten, so man die unliebsamen Knicke im Band zumindest etwas minimieren konnte.

  7. Hachz! Da versinke ich auch direkt noch tiefer in die Erinnerungen.

    Bei manchen Dingen bin ich echt froh, dass ich alt genug bin, sie erlebt zu haben. Diese nachhaltige Beschäftigung mit Musik gehört definitiv dazu. 🙂

  8. Hach, ich muss gerade megamäßig ausmisten (und will mich auch reduzieren), da fiel mir auch der Karton mit den aufgehobenen, schon mal dezimierten Kassetten in die Hände. Aus irgendeinem Grund mag ich sie auch nicht weg werfen, obwohl ich auch schon lange keine Abspielmöglichkeit mehr habe.
    Irgendwann hatte ich mal angefangen Mixtapes 1:1 auf CD nachzustellen, klappte allerdings eher schlecht als recht :s

    Tanya, den Karton im Blickfeld belassend.

  9. Habe eben (=ebend, für Dschurnalisten) die Aufnahme vom Moers Jazz Festival gehört. Es hat heftig geregnet. Auch auf den Übertragungswagen vom WDR. Cool, wie das tröpfelte…musste..direkt….“Mancher muss schon rennen wenn er nur an Pipi denkt“.. und olle MC zu CD machte ich auch, bevor ich Zugriff auf Online Radios hatte. Den Mist von einst höre ich aber nur selektiv, z.B. als Lindenberg noch kein Schlageraffe war. Oder Collins noch nicht so phil „sang“. Oder „Torfrock“ noch nicht bollerten wie blöd. Und so. Ik glöv, da musste man Joe Cocker auch irgendwie gut finden, zu MC Zeiten….Börsenfuzzismucke.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.