Tonari möchte anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls wissen, wo man selbst am 09.11.1989 war.
Wie einige ja schon wissen,trug ich die Bundes.grenz.schutz.uniform und erlebte diesen ganzen Wahnsinn in all seiner tödlichen Perfektion quasi live. Oft stand ich an der Grenze und habe mich gefragt, was für einen Blödsinn ich hier eigentlich mache, während drüben photographiert und beobachtet wurde was das Zeug hielt. Wir waren ja nicht wirklich nur zur Bewachung der Grenze da, die war so gut abgesichert, da war nichts mit plötzlichem Überfall oder mit “freischaffender Verschiebung der Grenzpfosten”. Entgegen der landläufigen Meinung war nicht die Mauer/der Zaun die Grenze, sondern die kam erst 5-15 Meter dahinter, kurz hinter den Grenzpfosten.
Wir haben die Hunde erlebt, oder Alarmeinsätze auf deren Seite, weil ein fliegendes Tier irgendeinen Alarmdraht auslöste. Unser “Arbeit” bestand hauptsächlich darin aufzupassen und zu helfen, wenn es doch einer schaffte diese Anlagen zu überwinden und auf unsere Seite zu kommen, dass kein westlicher Mauerhasser oder Übermütiger sich in Gefahr begaben, usw.
Die Jungs auf den Türmen mochten uns augenscheinlich nicht und wir mochten die auch nicht. Manchmal gab es auf die Entfernung von beiden Seiten (fragt mich bitte nicht nach Details oder nach dem Warum) kleine Provokationen oder Sticheleien. Auch wurde manchmal in unbeobachteten Momenten auf deren Seite zumindest andeutungsweise die dem Vorgesetzten abgewandte Hand zum Gruß erhoben, oder von deren Fußstreife die MP demonstrativ kurz auf den Rücken gedreht, es wurde der Kopf gebeugt (weil man am Weg was suchte), die Mütze kurz gelupft (um sich zu kratzen) oder einfach nur mit einem mehr oder weniger teilnahmslos freundlichen Gesicht hinüber durch den Zaun geschaut und die Kamera nur andeutungsweise vor das Gesicht gehalten. Es gab sehr skurrile und irritierende Situationen, besonders als ich einmal unseren VW-Bus in einen verwachsenen Graben fuhr und nicht mehr raus kam. Bis meine Verstärkung anrollte standen ziemlich fix 4 Grenzer drüben und feixten augenscheinlich was das Zeug hielt. Sie waren dabei aber nicht unfreundlich, bis deren Leutnant kam.
Als die Sache in Ungarn anfing größer und größer zu werden, trug ich schon keine Uniform mehr, doch rechnete ich mit einem Anruf, da ich befürchtete die DDR-Offiziellen würde die Nerven verlieren und ich somit aus der Reserve geholt werden würde. Es kam aber nichts, sondern irgendwie plötzlich wurde Hans-Dietrich Genscher im Fernsehen gezeigt, wie er auf dem Balkon der Botschaft in Budapest den dort Wartenden die Ausreise verkündete. Ein Moment der mir wie sicher vielen anderen eine kurze Gänsehaut erzeugte. Dann sofort der Gedanke, was wohl passieren könnte, wenn der Zug durch die DDR fahren würde. Gottlob passierte nichts.
Ich lag zu Hause auf dem Sofa gammelnd und sah die Pressekonferenz die Günther Schabowski gab, als er die in Leipzig, Dresden und anderen Orten eingeforderte Reisefreiheit endlich verkündete. Im Fernsehen sah ich auch, wie in Berlin die sonst so bösartigen Grenzer mit sanfter Gewalt von der ängstlichen Menge dazu genötigt würden, die Schranken nicht mehr mit Gewalt geschlossen zu halten. Sie ließen zu, dass die Leute die Schranken anfassten und ließen einfach los. Fassungslos und doch froh, dass dieser Wahnsinn endlich vorbei war oder ging, schlief ich irgendwann ein.
Einige Wochen später kamen immer mehr Leute von drüben, um sich hier Arbeit zu suchen und umzusehen. In meiner damaligen Arbeit stellen wir auch gleich 2 Jungs ein. Ich kann mich noch gut an deren Unsicherheit und großen Augen erinnern, als wir uns anboten beim Start zu helfen. Wir halfen ihnen sich hier zurechtzufinden und mit der neu gewonnene Freiheit einher zu gehen. Was aus den Beiden wohl geworden ist?