komischer Mensch

Er steht leicht unsicher neben mir, als ich beim Thai an der Theke meine Bestellung zum Mitnehmen aufgeben will. Ein gedrungner Mann mit einem glatten Gesicht, dem man sein Alter nur mit Mühe ansieht, eine blaue BaseCap auf dem Kopf. Die blonden Augenbrauen stehen im direkten Kontrast zu seinen tief-blau-schwarzen Haaren (miese Färbung). Ich schätze ich ihn auf Ende 50/Anfang 60, so in der Richtung. Seine linke Hand hält den Tresen fest, die Rechte weiß noch nicht so recht, ob sie in eine seiner Hosentaschen will, oder doch der linken Hand helfen muss. Er hat augenscheinlich ordentlich getankt, ziemlich sogar, ist aber scheinbar friedlich. Seine Augen kullern ein wenig, weil die Bedienungen geschäftig mit Teller und Gläsern an ihm vorbei wuseln. Es ist mir lustig mit anzusehen, wie er mit einer knappen Sekunde Verzögerung jeder vorbeieilenden Person hinterhersieht und dabei erfolgreich sein Gleichgewicht arangiert. Wenn die Hand nicht am Tresen wäre, sähe es sicher nicht so aus.

Meine Hose klingelt, ich ziehe das Phone aus der Tasche, die Bedienung hinterm Tresen sieht es und spricht nicht mich an, sondern den kleinen Mann. Der schafft es einigermaßen flüssig seine Bestellung um etwas Essbares aufzugeben, während ich meine WhatsApp beantworte. Er sieht es und fragt mich, was das immer für ein Geschiss ist, also das mit den iPhones und so. Ich verstehe die Frage nicht so recht, will eigentlich auch gar nicht und zucke nur neutral mit den Schultern. “Ne, ehrlich“ meint er, „was ist das immer für ein Geschiss mit dem Scheiss.“ Er lässt keinen Zweifel daran, dass er nun eine Antwort haben will. *sigh

Es telefoniert„, sage ich, „es kann schreiben und noch ein paar Sachen mehr. So halt“. Der Satz macht im Kontext zwar keinen Sinn, aber das merkt er sowieso nicht mehr. „Ah so“, sagt er angelegentlich und lässt seine andere Hand nun doch in die Tasche gleiten. „Und sonst”, will von mir noch wissen. „Alles prima“ meine ich, „toller Tag heute„. Er nickt oder wackelt, so genau kann ich das nicht bestimmen. Er schaut mir aufs Ohr, oder das Kinn oder die Schulter. %Gesprächspause%

Sein Kopf schafft es irgendwie in die Richtung der Tür zu wackeln, wo gegenüber die beste Tochter von allen auf einem Sims sitzt und sich eine Kippe dreht. Sie wäre ein bisschen jung für mich und grinst anzüglich. “Ne“ sage ich, “Tochter“. Er nickt. „Und wieso raucht sie?” will er wissen. “Das frage ich mich auch„, meine ich. Er verzieht den Mund zu einem Grinsen. Mein Essen kommt schon und ich will schnell zahlen. Er schaut mühsam nach unten, wo meine Hand am BookBook nach einem Geldschein fummelt. „Und wie ist das jetzt mit dem iPhone so„, will er wieder wissen. “Gut“ sage ich, „keine Klagen“. Das reicht ihm, er dreht sich zur Theke und beachtet mich nicht weiter. Schnell weg.

Erinnerungseffekt

Wenn die Gattin und ich zum Shoppen in die Wiesbadender Fußgängerzone wollen, parken wir meist im gleichen Parkhaus (Schwalbacher Strasse) und laufen dann eine Quergasse zur Fußgängerzone hinein. Auf unserem Weg dorthin kommen wir an einem Dia.ne.tik-Zentrum vorbei und jedes Mal steht ein und derselbe Hansel von denen draußen und bietet deren kostenlose Stresstests an. Meine Standardantwort darauf ist, dass ich aufgrund meiner Tiefenentspannung keinen Stress habe und daher auf seinen Test verzichte. Manchmal stellt er sich direkt in meinen Weg um mich am Weitergehen zu hindern, manchmal kommt er aus eine unangenehmen und unangebrachte Weise so nahe wie es nur geht. Da ich weder ausweiche noch stoppe rempeln wir auch schon mal aneinander, manchmal weicht er auch im letzten Moment aus. Er ist nicht wirklich unhöflich, aber höchst belästigend und sehr penetrant. Eigentlich sollte er mich mittlerweile kennen, so oft wie uns uns schon ‚getroffen‘ haben und doch quatscht er mich immer wieder an.

Vor kurzem habe ich die Strategie geändert indem ich zur Antwort gab, der einzige Stress den ich hätte wäre, ständig von ihm wegen dieses dämlichen Tests angesprochen zu werden. Er möge mich doch zukünftig bitte in Ruhe lassen, weil ich sonst tatsächlich in Stress geraten würde und dann sofort den Test machen möchte, mit ihm, hier auf der Stelle, quasi live. Ob er das wirklich wolle? Eine Antwort bekam ich nicht, nur verlegenes Grinsen. Der Test würde ja in der „Kirche“ (draufzeigt) und nicht auf der Straße stattfinden. Er blubberte noch weiter vor sich hin, wie liefen weiter und überließen ihm seinem Schicksal.

Am Samstag sind wir wieder die kleine Gasse entlang, er stand wieder da und sah mich. Entspannt und gespannt wie ich war, wirkte er auf die Entfernung etwas unentschlossen. Ich war überzeugt, er erkannte mich als er nervös mit den Karten in seiner Hand hantierte. Er machte einen Schritt auf uns zu, blieb jedoch sofort wieder stehen. Ich nicke ihm grüßend auf die Entfernung zu und lies ihn nicht aus den Augen, bis wir an ihm vorbei waren. Sein schiefes Lächeln und ausweichender Blick sagte mir, dass er verstanden hatte. Natürlich würde ich ihm nichts tun, aber das weiß er ja nicht. Nun bin ich gespannt, wie lange „es“ anhält.