ich bin ein schlechtes Vorbild

Die Tiefgarage ist leer, bis auf einen Combi mit Vater und seinem ca. 9 jährigen Sohn und mir. Die 2 laden gerade ihren Einkauf ein, ich bin auf dem Weg zu den Einkaufswagen. Im ersten Wagen den ich greife passt mein Plastik-Chip zum entfernen der Sperrkette nicht, denn da steckt noch ein Euro drinnen. Wem ist das noch nicht passiert?

In dem Moment kommt der kleine Mann mit deren Wagen hinter mir vorbei. Er schiebt ihn mit etwas Mühe in die Reihe der anderen stehenden Wagen, steck die Sperrkette ein und nimmt den Chip heraus. Den Chip steckt er sorgfältig und die Tasche und geht wieder zurück zu seinem Vater. Aus einem rätselhaften Impuls heraus ziehe ich das Euro-Stück aus meinem Wagen und rufe den Jungen zu mir, um ihm den Euro zu schenken. Der nimmt mit breitem Lächeln an. Er fragt mich auch schüchtern warum. Weil den jemand in seinem Wagen vergessen hat, antworte ich. Das genügt ihm und er geht beschwingt weiter.

In meinen Wagen habe ich meinen Chip eingeschoben, nehme die Kette raus und gehe zum Aufzug um hoch in den Verkaufsraum des Marktes zu gelangen, als mich eine Männerstimme von hinten anruft. Ob ich derjenige sei, der seinem Sohn das Geld gescheckt habe. Dann steht er in kurzer Entfernung vor mir. Da wir weiterhin alleine in der Tiefgarage sind, eine selten dümmliche Frage, die ich aber dennoch bestätige. Er will wissen wie ich auf die Idee käme, seinem Sohn Geld zu schenken. Dabei erhebt er seine Stimme auf unangenehme Art leicht an. Auch ihm erkläre ich wie schon seinem Sohn, wie ich an den Euro komme. Das wäre kein Grund für ihn. Ich weiß ehrlich nicht was ich antworten soll.

Er fragt, wie ich als Erwachsener seinem Sohn ein so schlechtes Vorbild sein könnte und Gefundenes einfach behalten, ja sogar weiter verschenken würde, anstatt mich um den Eigentümer zu kümmern. Ich mach eine Geste in die Runde der Tiefgarage und erwidere, dass wenn er hier jemanden fände, ich diesen natürlich frage könne, nur wäre hier keiner. Nehmen sie ihrem Sohn den Euro wieder weg, sage ich zu ihm und machen sie damit sonst was sie wollen. Das könne er natürlich auch nicht machen, denn der Euro gehöre ja seinem Sohn und mit ihm. Er würde es nicht verstehen, wenn er ihm das Geldstück wieder abnehmen würde. Ich solle es an seiner Stelle tun.

Mein Aufzug ist da und ich steige ein. Bestimmt werde ich das nicht tun, sage ich zu ihm. Und dann bitte ich ihm um Verständnis, dass ich einkaufen möchte. Er bleibt verständnislos kopfschüttelnd in seinem Dilemma an der Aufzugstür stehen, während ich seinem Sohn durch das Glas in der Tür zuwinke, der mir mit einem Grinsen auch prompt zurückwinkt.

Materialisierungsstelle

Sobald die Küche völlig leer ist, werde ich prüfen ob da nicht doch irgendwo eine verborgene Materialisierungsstelle ist. Wir können uns bei beide nicht erklären, wie der 10er (Euro) unter den in sich geschlossenen Schrank kommt. Als ich den aufbaute gab es noch die gute D-Mark.