Der Tag an dem ich keine grüne Soße mehr sehen konnte

Grüne Soße ist eine frankfurter Spezialität, Wiki sagt das wäre sie auch in Kassel,. Dazu kann ich nichts zu sagen, obwohl ich knapp ein Jahr in Kassel war, kam ich nie in Berührung damit.

Wir waren eine Clique von ca. 10 Jugendlichen, 6 Kerle und 4 Mädels, zwischen 17 und 19 Jahren. Die Eltern eines der Mädels hatten einen Schrebergarten mit wenig Nutzpflanzen, hohem Grasanteil, einer stabilen Hütte, Chemie-Klo, Hollywoodschaukel, Ranken am Zaun und einem Gartenzwerg am Eingang. Wir hatten irgend etwas zu feiern und die Eltern boten uns dafür ihren Garten an, aber nur wenn wir den nicht verwüsten würden.

Es muss im Spätsommer gewesen sein, wir fingen an es uns schon am späten Vormittag gemütlich zu machen, Radio-Kassettenrekorder (Batteriebetrieb), den Grill angeworfen, Bier, Cola und Fanta (halb/halb) ins kalte Brunnenwasser gestellt, Baguettes geschnitten, Kartoffel- und Nudelsalat, Steaks, Tomaten, Gurken, wir hatten unseren Spaß, genossen die coole Zeit unter Freunden und die warme Sonne. Der Schrebergartenaufpasserpolizist kam in blauer Arbeitslatzhose vorbei, ermahnte uns eindringlich es bloß nicht zu übertreiben und keine Flaschen zu werfen, die Gärten der Nachbarn in Ruhe zu lassen, die Mittagsruhe beachten, und und und. Damit wir es nicht vergessen, wiederholte er die Ermahnung in den nächsten 2 Stunden noch 3 Mal. Wir nahmen alles hin, denn die Orte an denen wir zusammen sitzen und feiern konnten waren extrem dünn gesät.

Die Nachbargärten leeren sich im Laufe des Tages zusehends, es kam auch mal einer rüber zu uns und lies sich zu einem Bier einladen. Später dann, als die Dämmerung aufzog hatten wir die Kolonie fast für uns alleine. Die Musik wurde daraufhin etwas lauter und der frühe Beginn zollte von dem ein oder anderen Partymitglied ersten Tribut, in Form von kurzfristigem und heftigem Ruhebedarf. In der Hütte waren 2 Feldbetten und noch ein paar Luftmatratzen, also alles easy.

Soweit ich mich erinnere, hatten wir unsere Biervorräte schon ziemlich dezimiert, als in dem beginnenden Sonnenuntergang die Gartenbesitzerin auftauchte um uns unaufgefordert Nachschub an Bier und etwas zu essen brachte. Sie setzte sich sogar zu uns und es wurde ziemlich albern, auch weil so ziemlich jeder etwas dummelig im Kopf war. Die gar nicht so kontaktscheue Mutter machte mit, wir alle fanden das großartig und drehten so richtig auf, auch die Rauschschläfer kamen wieder.

Wie es so ist, wer trinkt und Spaß hat bekommt auch irgendwann mal wieder Appetit. Der Grill war schon leer, es gab nur noch Baguette und das neue Essen der Mutter in den damals typischen Tupper-Gerätschaften, die im Inneren der Hütte deponiert wurden. Auf der Suche nach etwas essbarem schlich ich in die Hütte und nahm dort die Vorräte in Augenschein. Das Öffnen der einen Schüssel im Kerzenlicht schlug mir jedoch erheblich auf den Magen, weil =>Musteranblick. Schnell schloss ich den Deckel wieder, denn ich hatte spontan keinerlei Appetit mehr. Stattdessen hatte ich meine liebe Mühe einigermaßen gefasst wieder zu den anderen zu kommen, weil zu dem Anblick kam noch der etwas strenge Geruch der Masse. Im Kopf versuchte ich durch Bilder von grauen Straßen und braunem Holz meinen Magen von der durchdringenden grünen Farbe abzulenken. Dabei war ich natürlich etwas stiller, was sofort Aufmerksamkeit erregte. Da die Mutter ja noch bei uns saß, schummelte ich mich irgendwie aus der Situation heraus, bis ich den nächsten in der Hütte verschwinden sah. Auch der kam recht blass wieder heraus, doch er war clever wie ich und verzog sich gleich hinter die Hütte. Nachdem er sich 10 Minuten später wieder zu uns gesellte, schauten wir uns schweigend an und verstanden einander. Dann gingen zwei Mädels rein, dann noch mehr Jungs, die anderen Mädels, alle kamen schließlich irgendwie verändert aus der Hütte zurück, jeder hatte augenscheinlich genug damit zu tun seine Körpermitte wieder zu beruhigen. Schrecklich das.

Das wir alle ruhiger wurden, fiel auch der mittlerweile leicht bierseeligen Mutter auf. Sie sagte etwas von „die Jugend von heute“ und „hält nichts aus“ und da sie ebenfalls einen gewissen Appetit fühlte, ging sie nun ihrerseits in die Hütte. Kurze Zeit später kam sie mit der Schüssel im Arm und geschnittenem Brot darauf wieder zu uns zurück. Sie stellte die Schlüssel auf den Tisch, uns schwarnte übles. Als sie die Schüssel letztlich öffnete ging einer nach dem anderen auf Abstand zum Tisch, ganz besonders als sie mit sichtbarem Appetit das Brot in die Soße stippte und davon abbiß. Einigen von uns (inklusive mir) ging es derweil wieder nicht mehr so besonders gut und so stahlen wir Looser uns mit erneut flauen Magengrummeln und im Dunkeln doch lieber nach Hause.

In meiner Mansarde stellte ich mir zur Sicherheit noch einen Eimer in Griffweite, man weiß ja nie. Die Nacht ging leidlich voran, das Karussell drehte sich fröhlich, ob nun Augen auf oder zu, einen Fuß auf dem Boden oder nicht, es kam jedoch nicht zur Entweihung des Eimers. Demnach war ich früh wieder wach, der Magen weiterhin noch etwas empfindlich, das Frühstück grenzte feste Nahrung aus, nur einen halben Kaffee und Wasser.

Auch wenn mir eher nach Bett war, machte ich mich wieder auf den Weg in den Garten. Es musste noch aufräumt werden, das gehört schließlich dazu. Dort angekommen traf ich die Reste der Clique, die die Nacht wohl im Garten verbracht hatten, die bewusste Schlüssel war verschwunden. Wie saßen also wieder, feixten uns munter und warteten auf den Rest der Truppe, bis fröhlich strahlend die Mutter in den Garten kam. Sie wollte ihre Schüsseln abholen und uns beim aufräumen helfen.

Wie nach solchen Parties üblich, ist das Aufräumen ein eher müßiges Geschäft, keiner hat so richtig Lust und doch macht jeder irgendwie etwas, je nach Pflichtgefühl mal mehr oder weniger. Es dauert also etwas, bis sie uns fragte, wo denn ihre Schüssel mit der grünen Soße geblieben wäre. Keiner sagte einen Ton, sondern ging stur seiner Beschäftigung nach, oder simulierte seine geistige Abwesenheit auf andere Weise. Sie wuselte derweil um die Hütte und fand sie, denn einer der Gartenschläfer hatte sie aus dem „Partybereich“ verbracht. Sie stellte die Schüssel auf den Tisch und wunderte sich lautstark, dass die noch so voll sein und dann machte sie den Deckel ab. Der Blick auf diese sämige grüne leicht bröckelige Flüssigkeit und der sich ausbreitende Duft, das tat keinem gut, mir ganz besonders nicht. Sie stippte mit dem Finger rein und schleckte den im Mund ab. Warum wir nichts gegessen hätten, sie wäre doch so gut. Es ging nicht, ich musste heim.

Den Rest des Tages war ich in meiner Mansarde und litt Qualen, immer wieder mit diesen Bilden vor Augen und auf wundersame Weise auch den Duft der Brühe in der Nase habend. Sehr lange Zeit danach ging ich jeglichen Nahrungsmitteln mit einer ähnlicher Konsistenz aus dem Weg.