SchauJoggen

Das ist ein Kunstwort, mein Kunstwort. Das ist mir letztens eingefallen, als ich im oberen Teil des Wiesbadener Kurparks gemütlich vor mich hin joggend, meinen Gedanken und Augen freien Lauf lies und neben der Bewältigung der anvisierten Strecke auch meine mitlaufende Umgebung etwas näher beobachtete.

Nebenbei erwähnt ist der obere Teil des Kurparks deswegen dem Unteren vorzuziehen, weil der nicht komplett asphaltiert ist. Das ist eher eine umzäunte Lustwandel und Verweilanlage. Im Oberen ist normales lustiges Leben, Wiesenlieger, Jogger, Sonnenanbeter, Parkbanksitzer, Hundegassigeher, Ballspieler, Herumrennkinder usw., keine Parkwächter und Tauben-/Ententanten.

Ich fing dann also an, die Mit-Jogger zu kategorisieren und nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Lustig mache ich mich ganz sicher nicht, ich mag nur schauen und so den obligatorischen Durchhänger zu bekämpfen. Im Laufe der letzen paar Wochen sind Kategorien entstanden:

* Die/Der Bemühte
Menschen die aufgrund ihrer körperlichen Masse und Verfassung sich definitiv zu viel zumuten. Die Devise sollte hier sein: Abnehmen, Fahrradfahren oder Walken. Aber nicht joggen. Man bekommt richtig Angst um diese Menschen, wenn sie ihre Massen wälzend mit hochroten Kopf und schwer atmend vorwärts bewegen. Manchmal lasse ich mich hinreisen und frage ob alles OK ist, ob sie nicht vielleicht einen Schluck Wasser haben möchten. Ich weiß das macht man nicht, aber der geübte Jogger ahnt vielleicht. (Nebeninfo: Ich deponiere mir eine Flasche Wasser an meinem Startpunkt in den Bach, damit sie schön kühl bleibt. Ich habe nun mal ein Schwäche für kühles Wasser.) Die Kleidung hier ist fast immer die Gleiche, weite wallende T-Shirts oder Sweat-Shirts (bei dem Wetter), üppig lange Hosen, wahllos in der Farbzusammenstellung und immer falsche Schuhe (billige Discounttreter) und schwitzen wie sonst was.

* Die/Der ansatzweise Geübte
Man sieht hier ist schon etwas Training voran gegangen und man weiß so in etwa was man tut. Die Meisten laufen dennoch viel zu schnell, nur um dann irgendwann Not-Gymnastik zu betreiben, damit das Seitenstechen unauffällig abklingen kann. Die Kleidung hier ist meist auch eher wallend, normale T-Shirts mit Werbung, halblange Hosen, Leggings, wahllos in der Farbzusammenstellung, bessere Schuhe aber immer noch eigentlich zum joggen ungeeignet (teure Sneakers zum Beispiel).

* Die/Der Trainierte
Lockerer Laufstil, easy. Das siehst so scheiße leicht aus und doch steckt jede Menge Arbeit dahinter. Dennoch Respekt. Die Leute erwidern in der Regel entgegen gebrachte Grüße (Kopfnicken, Handzeichen, Anlächeln), sind nicht unbedingt arrogant, grüßen selbst aber nicht. Nur wenn man sich des öfteren an gleicher Stelle bei gleicher Tätigkeit gesehen hat, stellt sich der Anflug von Vertrautheit ein, so dann man gegrüßt wird. Tolles Equipment, manchmal auch Gürtel mit Plastikflaschen, meinst alles farblich aufeinander abgestimmt, markenrein und stets untadelig in der Passform. Zum neidisch werden, wenn einem so etwas gefällt. Super Schuhe, dezent in der Farbe, iPods mittels Nike-Klett-Vorrichtung am rechten Arm. Warum auch immer, alle tragen es am rechten Arm und nie am linken. Kein Schweißbändchen, aber häufig helle Schirmmützen ohne Werbung. Die sehen irgendwie total entspannt aus, obwohl die laufen können wie Gebrselassie. Das will ich auch. *grumpf*

*Die/Der Verbissene
Ähnlich wie die/der Trainierte, nur hochkonzentriert. Sie laufen wie in Trance und schauen weder links noch rechts, nicht hoch oder runter. Haben einen Affenzahn drauf und halten den auch durch. Meist komplett in Schwarz, atmungsaktives Läuferzeugs, hauchdünn, eng anliegend und sicher teuer, immer im Trägerhemd ohne Werbung, dicke fette Plastikuhr. Man hört sie nicht atmen. *hmpf*Unsympathisch, abweisend, würdigen nichts und niemand eines Blickes. Selbst wenn am Kleinkindspielplatz mal wieder eines versucht, ob runterspringen wirklich weh tut und es lauthals die Erfahrung macht.

* Die/Der Überflüssige
Die machen mir am meisten Spaß, weil was immer die da tun, es eher Bummeln ohne Schaufenster ist, als sich ernsthaft körperlich zu betätigen. Meist in voller Kriegsbemalung (sprich geschminkt), komplett in alles gekleidet was der sicher übermäßig bestückte Kleiderschrank an sportlich aussehenden Sachen hergibt. Man ist auf Gala. Grelle Farben, viel Pink (auch bei Männern) feinster Stoff und Zwirn, Polo-Shirts (Ralph Lauren mit hoch gestelltem Kragen) wie aus dem Katalog entnommen und häufig doch so farblich unpassend kombiniert. Man trägt seinen Schrank zur Schau. Sehr häufig zu zweit und sehr darauf bedacht in jeder Lage die bestmögliche Vorstellung zu liefern. Viel Goldschmuck an Hals und Arm, vermeintlich sündhaft teure Uhren schwenkend. Ist das villeicht das eigentliche Training? Kein Häärchen der betonierten und toupierten Haartolle bewegt sich und keine Schweißperle verunstaltet das gepuderte/sonnengebräunte Antlitz. Man gleitet eher als man joggt, walkt oder nur banal geht. Es wird wird sich immer lauthals unterhalten, die anderen wollen schliesslich auch wissen, das man gerade gestern bei Escada war. Man möchte vor dem Kunstwerk verweilen und applaudieren. Hier obsiegt feinstes Markenschuhwerk, farblich abgestimmt auf den Rest der komponierten Oberbekleidung. Zum Laufen komplett ungeeignet, ich rede von Espritschläppchen oder ähnliches aus Landsend-Segeltuch. Keine Elektronik, aber immer etwas trinkbares am Arm (vorzugsweise Evian) und dick flauschiges weißes Handtuch im Nacken. Mehrfache Schweissbändchen mit Aufdruck (Ralph Lauren drunter gehts nicht) und D&G Schirmmütze oder ähnlicher Schnickschnack mit dicken fetten Markennamen. Letzthin sah ich eine Frau, die einen dieser hässlichen D&G-Gürtel mit den übergroße Gürtelschnalle trug. Komplett in im weißen D&G Jogging-Anzug und silberne Ledergürtel. Ich musste einen Zahn zugelegt, damit ich nicht das Lachen anfing. Als schwitzender Mensch traut man sich sowieso kaum in deren Nähe, sieht man sich doch sofort einem feindlichen Blick und ausweichenden Bewegungen gegenübe, als wäre man aussätzig.

Derweil ich mich also so beschäftige ist meine Runde plötzlich vorbei. smile

Wo sehe ich mich? Schwer zu sagen, vermutlich zwischen “ansatzweise geübt” und “trainiert”. Ich habe nach langer Pause erst wieder den Mumm gefunden anzufangen. Mir tun die ~13 Kilo zuviel immer noch weh. Das drückt auf den Bewegungsfluss, macht mich schwerfällig und die Luft eng, wenn ich meinen Speed und Schritt nicht sofort finde. Es lässt sich zudem auch zäher an, weil ich immer zu schnell ‘meinen’ Erfolg haben will. Mir ist es wurscht wie ich aussehe, ich bin beim Sport und nicht auf einer Modenschau. Ich mag und will schwitzen, sonst ist es keine Anstrengung für mich. Ich habe keine Elektronik dabei, weil mich die Musik komplett aus meinem Rhythmus bringt (ungewöhnlich für mich, ist aber so). Meist laufe ich in alten T-Shirts und normal kurzen Sporthosen ohne Marke oder Aufdruck (ich kann solch kostenlose Werbung auf Kleidung nicht ausstehen), vornehmlich alles in Baumwolle und nicht eng anliegend. Ich trage normal gutes Schuhwerk (Asics, mit guter Dämpfung), laufe gemütlich und gleichmäßig mein Tempo und versuche mir nicht zu viel zuzumuten. Ich nehme mir ein Ziel vor und das gilt es zu erreichen, ohne auszusetzen und in einem Rutsch.

Auf meiner Runde gibt es drei ‘Genusspunkte’ für mich:

1. Auf den letzten 200 Meter einer Runde bin ich geneigt alles was noch da ist raus zulassen. Das ist dann Lokomotivmodus, muss aber irgendwie sein. Erst danach geht es mir gut. Sobald die Puste wieder zurück ist noch ein wenig Gymnastik und Dehnung.

2. Mitten im Park ist ein kleiner Hügel, so etwa 100 Meter an Laufweg, den jogge ich innerhalb meiner Runde immer hoch und freue mich wie ein könig, wenn ich oben bin ohne an normaler Laufgeschwindigkeit eingebüßt zu haben.

3. Der Letzte ist eine 124 Stufen lange Treppe, kurz vor der Straße in der ich wohne. Die muss ich hoch, wenn ich heim will. Vor langer Zeit nahm ich mir fest vor, diese Treppe nie gehend zu beschreiten, sondern immer laufend, also die Knie hoch und durchziehen. Die letzten Stufen tun meist ziemlich weh und die Beine sind dann recht schwer. Das gibt mir den Rest, danach habe ich endgültig genug.

Gute Nacht.

[Bild © nafas / www.pixelio.de]

Ein Kommentar

  1. Als ansatzweise Geübter/Trainierter hast du einen guten Blick für deine Mitläufer. Deine Einteilung gefällt mir, leider ist das nur für euch Städter zutreffend, bei uns auf dem Lande gibt es da leichte Unterschiede. Aber dazu eventuell ein andermal.
    Denk daran das du dich erst erholen musst bevor es wieder auf die Piste geht…..
    LG

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