verlernte Handschrift

Die beste Tochter von allen bat um eine Entschuldigung, da sie gestern der Schule fern bliebt. Das fällt ihr morgens um 6.45 Uhr ein. Da der Rechner um die Uhrzeit logischerweise aus ist, also handschriftlich. *gulp*

Wann habe ich zu letzen Mal einen wirklichen Text von Hand geschrieben? Keine Notiz auf irgendeinen Schmierzettel oder Stück alten Kartons. Nein, einen richtigen Text auf einem richtigen Stück Papier, den man jemand anderem gibt, weil man demjenigen etwas mitteilen möchte. Wann habe ich zuletzt eine Nachricht ohne ein @ darin erzeugt zu haben wirklich angefasst? Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht mehr. Den ganzen Tag tippe ich am Keyboard, am Handy, am Bankautomaten und was weiß ich noch wo. Überall gibt es vorgelegte Buchstaben, die die mühselige Schreibarbeit verhindern erleichtern sollen. Zu schnell gibt man sich diesem Luxus hin, zu bequem ist es sich keine Mühe mehr um Lesbarkeit seines Textes geben zu müssen, falsche Buchstaben durch den Richtigen ersetzen zu können, ohne ganz von vorne zu beginnen. Tippen schadet dem Schriftbild, ich ahne weiß es seit langem und dennoch tue ich nichts dagegen. Selber Schuld – Idiot.

Ich stelle mich und wünsche ein Stück Papier, bitte aber mit Linien. Fast wie in der ersten Klasse, ich fürchte ohne diese Ausrichtungshilfe den Berg hoch oder runter zu schreiben. Ich bekomme ein Papier und grabsche mir einen Kulli. Einer meiner Füller wäre mir zwar deutlich lieber, aber die sind alle trocken gelegt, damit die Tinte eben nicht wieder eintrocknet. Ich schreib ja doch nicht. *hmpf* Ein liniertes DIN-A 4 liegt vor mir, prima. Platz genug falls ich patze, ich will aber nicht patzen. Ich werde nicht patzen. *tschackaaaa* Nur nicht patzen jetzt, einfach ruhig die Worte schreiben. Ich beginne langsam die Worte zu schreiben, die ich binnen weniger Sekunden getippt hätte.

Natürlich patze ich doch, logisch – war ja klar. Das letzte Wort vor mir ist echt übel kaum zu lesen. Ne, das geht so nicht. Das kann ich so nicht abgeben lassen. Absatz – Neuanfang. Das zuvor widerspenstige Wort ist souverän gemeistert, dafür patze ich 5 Worte später. *argh* Typisch, jetzt nur nicht nervös werden. Absatz – Neuanfang. Diesmal komme ich ohne Patzer und Fehler bis zu Ende, doch das Schriftbild als solches ist eine Zumutung. Eine Katastrophe eigentlich. Ich kann es ja selbst kaum entziffern. Was wird die eh schon schwierige Lehrerin von mir denken, wenn ich die beste Tochter von allen dieses _Ding_ überreichen lasse? Typisch?

Ne, das geht so echt nicht.Absatz – platzmangel bedingter letzter Neuanfang. Wieder keine Patzer oder Schreibfehler, das Schriftbild jedoch ist nicht wirklich besser geworden. ScheißeScheißeScheiße. *kaffeeschlürf* Was jetzt. Ich schäme mich innerlich. Mit Peinlichkeit hat das nichts zu tun, ich schäme mich wirklich ob meines Scheiterns. Mein Schriftbild war laut der Göttergattin früher auf der gemeinsamen Arbeit für einen Kerl recht schön und rund, doch heute? Eine Horde schlachtreifer Enten vom Stempelkissen direkt in unsere Küche. Doch was liegt da vor mir? Alles verlernt – alles weg – alles Mist. Moppelkotze!

Ich überlege alternativ ernsthaft den Rechner anzuschalten. Das ist mir auch wieder zu peinlich, nicht um 6.50 Uhr. Ich beichte stattdessen der besten Tochter von allen, erwarte Schmäh und Schmach. Doch nichts dergleichen kommt. Sie nimmt es mit Gleichmut, sie würde gleich schreiben ich solle es signieren. Geht auch, Zweck erfüllt. Dann ab ins Auto, rauf auf die Piste und dann den Eingang zum Hamsterrad anstreben.

Doch die Blamage geht mir nicht aus dem Kopf, sie gärt und beschäftigt mich zusehends, sie macht mich sauer auf mich selbst. Ich möchte eigentlich und wirklich etwas dagegen tun, ich will meine Schrift wieder haben. Bleibt nur üben-üben-üben. Doch wann? Ich komme abends so schon zu kaum etwas, weil mittlerweile auch eine ToDo-Liste zu Hause abgearbeitet werden will. Es nervt. Verdammte Bildschirmarbeit, verdammtes Hobby.

[Bild © tutti1 / www.pixelio.de]

8 Kommentare

  1. Damit stehst du nicht alleine da. Ich reihe mich in die lange Schlange der „Hier“ Schreienden ein.
    Einkaufszettel und das war’s.
    Dafür kann ich mich sehr genau an das letzte Mal erinnern (vor allem an die Schmerzen im Handgelenk 😉 ) :
    Letztes Jahr im November habe ich meiner Freundin, die sich in einer Mutter-Kind-Kur befand, einen richtigen Brief geschrieben. Zehn Seiten lang, mit Füller, auf dem guten Büttenpapier. War ein tolles Erlebnis, mal wieder so schreiben zu können. 🙂

  2. Schreiben kommt bei mir im Büro nicht zu kurz, den ganzen lieben langen Tag die tel. Bestellungen notieren reicht mir da teilweise. Doch ich schreibe gern, das Problem besteht nur darin, dass ich immer zwischen Arbeits- und Privathandschrift unterscheiden muß. Ein Brief in Arbeitshandschrift sieht immer aus, wie ein Rezept von meinem Arzt, wo der Apotheker grundsätzlich nachfragen muß. 😉

  3. Danke. Das beruhigt mich dann doch wieder. 🙂 Du gibst es Dir dann aber auch richtig -10 Seiten…. ich würde jetzt auf der Stelle daran _verzweifeln_ 🙂

  4. Na ja, wie schon gesagt, es war ein tolles Erlebnis. Hat mich an die alten WG Zeiten erinnert, als ich abends noch mit meiner Mitbewohnerin in der Küche saß und wir beide tagebuchschreibend den Tag zu Ende brachten.
    Heutzutage ist das Tagebuch durch ein blog ersetzt und somit sind wir wieder beim Thema Tastatur angelangt.
    😀

  5. Mein Einkaufszettel, den ich regelmäßig auf dem Küchentisch liegen lasse, die kurze Notiz einer Telefonnummer oder ein Termin außer der reihe… dass kritzele ich schnell dahin und weiß doch selbst mit der Tastatur gehts schneller… 😀

  6. @rebhuhn
    Aus Gründen der Sicherheit bleibt die Demonstration der handschriftlichen Untaten in der Öffentlichkeit undokumentiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.