Nachbarsdünkel

Wir wohnen in einer schönen Gegend am Rande Wiesbadens zur Miete. Die Wohnung hatte sich uns von ~17 Jahren aufgetan, weil wir (als Firma) damals für die Eigentümerin im Hause arbeiteten. Mit mittlerweile etlichen speziellen Umbauten (komische Ecken, schiefen Wände usw.) versehen ist die kleine Wohnung zwar immer noch nicht sehr geräumig, aber schnucklig und urgemütlich.

Als wir damals einzogen war der ganze Hügel überwiegend in 1-2 Familienhäusern von alten Menschen bewohnt. Alte Menschen mit vielen Katzen und und noch mehr Hunden. Man bekam schnell Kontakt, sei es nun über die vorwitzige beste mini-Tochter von allen, über unsere damaligen Hund oder auch so. Es war schlichtweg toll hier.

In den letzten Jahren jedoch wandelte sich der Hügel drastisch. Die alten netten Leute sterben langsam weg und die Erben versilbern das Erbe an Bauträger oder Spekulanten. Es ist wirklich traurig mit anzusehen, wie diese wunderschöne alte Häuser abgerissen und gegen übergroße kantige Eigentumwohnungsansammlungen ersetzt werden. Keines dieser Würfelbunker passt für mich ins Straßenbild des gesamten Viertels/Hügels, keines dieser schrecklichen Bauten strahlt auch nur ansatzweise die Gemütlichkeit aus, die den alten Häuser anhaftete. Die Neuen sind nur teuer, groß, protzig, teuer, hässlich und teuer. Wer immer die Baugenehmigungen dafür erteilt, macht einen richtig schlechten miesen Job.

Nebenbei erwähnt darf sich das Landeshauptdorf was die Grundstückspreise angeht, ohne weiteres bei den Spitzenreitern wähnen. Eine aktuelle Liste habe ich leider nicht gefunden, 7.000 -10.000 Euro/m² sollen durchaus normal sein, auch und ganz besonders für Eigentumswohnungen. In Wiesbaden zu wohnen ist auch zu Miete recht teuer, wie auch der Mietspiegel von 08-2007 zeigt:

[quelle: spiegel.de]

Ich schweife mal wieder ab….. also in der Nachbarschaft tut sich permanent etwas neues. Man gewöhnt sich dran, dennoch vermisse ich die Ruhe, die Beschaulichkeit und die Freundlichkeit die die alten Leute verbreitet haben. Alleine schon die Geschichten die man (zeitweise auch mehrfach) erzählt bekommen hat…….

Mit den teuren Klötzen zieht gleichzeitig jede Menge Geld in die Nachbarschaft. Damit habe ich kein Problem. Es stehen Unmengen nagelneuer Geldkarossen trotz Garage auf der Strasse herum und versperren die Parkplätze. Wirklich _witzig_ wird es, wenn unsereins vom Einkaufen kommt und wegen dieser Luxusbüchsen seinen Wocheneinkauf über unnötig weite Strecken schleppen muss, während weiter weg Luxusjonny lässig mit Kippe herumsteht und ob meines unüberhörbaren Fluchens (wofür zum Teufel haben die eigentlich Tiefgaragen?) seine Jacketkronen lüftet. Auch damit habe ich kein Problem. Na ja, mit den Parkplatzbesetzungen eigentlich schon, zum Ausgleich kann das kleine Schwarze auch schon mal ungünstig im Wege stehen. Dann bin ich Arschloch.

Doch zum Punkt, man grüßte sich hier noch bis vor 5 Jahren. Man nickte sich beim sehen zu, brachte sich gegenseitig vom Bäcker etwas mit oder gab sich sonst irgendwie freundlich zu verstehen, dass man sein Gegenüber nachbarschaftlich wahrnahm. Wie gesagt, richtig toll.

Und? Man sieht sich oder geht aneinander vorbei, ich grüße einmal erfolglos, man sieht sich später noch einmal und ich grüße zum zweiten Mal wieder erfolglos, beim dritten erfolglosen Grußversuch denk ich mir f*** y** Du Hohlroller. Ich muss nicht, ich kann und doch…. es wird jetzt nicht mehr nachbarschaftlich gegrüßt, der scheinbar nicht auf ‘Augenhöhe’ wohnt. Es piekst mich so ignoriert zu werden, ich glaube auch zu erkennen, wenn mich jemand absichtlich übersieht oder nicht. Schüchternheit sieht für mich dann doch anders aus.

Ich bin da anders gestrickt. Höflichkeit ist eine Zier die jedem Menschen gut zu Gesicht steht. Ich erwidere einen mir dargebrachten Tagesgruß, egal von wem und wann. Wenn nicht gerade das iPödchen im Ohr ist, Bohrmaschinen rattern oder LKWs an einem vorbei rumpeln sollte jeder ein Hallo, Guten Tag oder Hi immer hören können. Zumindest kann man sich über Straßengrenzen hinweg von Balkon zu Balkon sehr gut unterhalten, doch das ist etwas anderes. Denn Gegenüber ist gerade eingezogen und demonstriert durch sündhaft teures Blech vor der Tür was Sache ist. Ich bin nicht neidisch (glaube ich zumindest) und gönne jedem seinen Erfolg und Reichtum, wie immer dieser auf legalem Wege erreicht wurde. Ich mag es nur nicht, scheinbar aufs Eigentum reduziert als umgangsfähig zu gelten oder nicht.

Im Übrigen grüße ich weiterhin wenn auch mit weniger Enthusiasmus, ich kann nicht anders als meine Mutter mich dazu erzogen hat. wink

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2 Kommentare

  1. Oh, ich kann Dich so gut verstehen! Mir geht es ganz genau so. Ich wohne auch in einer Gegend, die überwiegend aus kleinen Einfamilienhäusern besteht, die allerdings auf recht großen Grundstücken stehen (bzw. standen), weil die Leute hier früher auch Nutzgärten mit Obst und Gemüse angelegt hatten.
    Inzwischen sterben die ehemaligen Bewohner weg, die Kinder erben und versilbern die Grundstücke. Die alten Häuser werden abgerissen, Reihenhäuser oder Mehrfamilienhäuser werden dann gebaut. Die neuen Eigentümer oder Mieter grüßen nicht mehr, man kennt sich nicht mehr.
    Eine sehr traurige Entwicklung…
    Ich grüße allerdings hartnäckig alle, die mir in “meiner” Straße begegnen. Manchmal merke ich, wie ich damit mein Gegenüber direkt überrumpele und es dann quasi aus Versehen zurück grüßt. :-)

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