Hätte ich

gestern nicht die herzlichste K. aller Zeiten nach Hause gefahren, wäre ich nie in die zweifelhafte Verlegenheit gekommen einen dieser legendären Auto-Korsos mitzumachen. _Endlich_ mal dürfte ich dieses für mich als außenstehenden Fussballmuffel gänzlich hirnlose anmutende Verhalten einmal live, in Farbe und direkt aus der Nähe ansehen. Ich zumindest war aufgeregt, froh, über alle Maßen glücklich und wir beide konnten vermutlich auf der Stelle unsere Mageninhalte zum besten geben, wäre da nicht die Kinderstube im Wege.

Wir wurden indes nicht gefragt sondern einfach eingeladen eingekeilt. Eingeschlossen, nicht rückwärts und nur sehr spärlich vorwärts. *argh* Wir standen mitten auf der Mainzer Rheinallee die vor Autos, Fahnen und Glückseligkeit nur so strotzte. Die möglichen alternativen Schleichwege abseits der Freude waren alle blockiert. Wir mussten also da durch, leider. No Chance sich anderweitig durchzumogeln. Die Staatsmacht wollte den Strom der Freude kanalisieren. An sich sehr vernünftig, doch warum kanalisierte man nicht anders? Es war mal wieder wie immer, ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Wirklich K., Du konntest rein nichts dafür, ich bin das Problem. Wie immer.

Während sich K. angesichts der Bewegungslosigkeit zusehends in Schuldgefühlen suhlte, wurden sehr gerne Fahnen in einer weihenden Bewegung über das kleine Schwarze gezogen. (ich leih mir das Wort) Bizarrerweise hörten wir dabei Schubert, bzw. Yo-Yo-Ma – eine echt skurrile Mischung alles zu sehen und dies dabei zu hören. Fassungslos fasziniert schauten wir um uns und sahen einen bedauernswerten Flaschenträger fröhlich Feiernden nach dem anderen. Schaute man rechts zum Nachbar, sah man auch nur glasigen Augen umgeben. “Don’t drink and drive” galt nicht mehr, jetzt war Freude – feiern -Stimmung angesagt. Ballermann machte geschlossen einen Ausflug. Und wir mitten drin. Hossa, welch ein Spaß.

Wir stellten jeder für sich still die Frage, was wohl daran toll sein könnte sich derart losgelöst zu geben? Mit kam der Begriff “fremdschämen” ins Gedächtnis und setzte sich dort ungebeten fest. Mal abgesehen davon, dass es jeden gesunden Menschenverstand in Zweifel ziehen muss(!), stellt man sich derart enthemmt auf eine Strasse und johlt fortwährend, dass _man_ zum Finale fährt.  Ja, mein Gott wir wissen es jetzt. Und wir wissen auch das wir in Deutschland sind. Setz Dir Deine Kanne wieder an den Hals, dann bist wenigstens Du still.

Wir waren müde und wollten nur heim, mehr nicht. Wir mussten warten und durften nicht fahren. Yo-Yo Ma spielte virtuos sein Cello. Wir konnten beide lachen – irgendwie  – und doch wieder nicht. Zu müde, also ergaben wir uns in unser Schicksal. *klick* Zur Sicherheit wurde die Tür verriegelte, falls einer glaubte es feire sich auf ihrem oder meinem Schoss noch ein Stückchen besser als auf der Strasse.

Ich indes hatte Sorge, dass diese bierselige Fahnenweihen mich meine Antenne oder einen Spiegel kosten könnten, oder sich einer in seine Fahne eingewickelt mit Jauchzen vors kleine Schwarze wirft, weil von da unten ist es nochmal so gut zu feiern. Nichts passierte *puh* bis Breit-Golf hinter uns im Glücksrausch Suff nicht mehr wusste, welches Pedal zu seinen Füssen zu was eigentlich genau diente. Er bumste das kleine Schwarze sachte an und begrinste mich dann bierig dümmlich in meinen Rückspiegel.

Ich war nicht sauer, stieg dennoch aus weil bumsen => grinsen => sonst nichts? Dir helf ich. Hand heben und sorry => das wäre OK gewesen.  Also bat ich ihn höflich, (sinngemäß) sich entweder mit seiner Karre an den Seitenrand zu stellen, oder wenn er nicht mehr fahren kann die Kiste von jemanden anderen fahren zu lassen. Seine Augen kugelten, ich war wohl nicht deutlich genug. Wenn er blöder Dummlappen noch einmal nicht aufpasst, lernt sein Schlüssel fliegen. Dabei schaute ich kurz auf den durchaus in meiner Wurfweite liegenden Rhein. Das Augenkugeln fror ein und er konnte mich somit fixieren. Ich sehe, er hat in etwa auf Anhieb verstanden was ich meine. Ich sah wie sich der Biernebel kurz lichtete und er ein “Sorry” schwabbelte. Ich war doch sauer – auf den Golf, aber nur kurz.

K. ertrank weiter im schlechten Gewissen. Ich sah es, wollte lachen, lies es aber, da musste sie nun durch. Mir machte es nichts aus, wirklich. Es nervte, aber es geht vorbei. Derweil gaben wir dem Vordermann gut hörbar zu verstehen, dass sein enervierend grelles Warnblinklicht nun nicht mehr von Nöten ist und er solle bitte die Fackel ausmachen. Meine Augen sagen stumm hinterher: Sonst mach ich das. Er machte es selbst. Sehr nett. Danke.

Nach 30 Minuten spülte uns der Corso dann doch weiter und wir konnten jeder für sich in die heimischen Betten streben. Wären zufällig Bekannte aus anderen Ländern bei mir gewesen, hätte ich mir auf der Strasse ein Loch gebuddelt und mich vor Scham selbst versenkt wollen. Ischschwöhr!

[Bild © unbekannt]

Fazit des Abends:

  • S. ist angesäuselt wirklich knuffig. smile
  • D. raucht heimlich, damit sie sich nicht erwischt
  • J. I. D. können nicht singen
  • K. ist die herzlichste K. ever
  • T. möchte man nicht missen
  • S. you’re my pal
  • /me mag definitiv keine Auto-Korsos, weder live, noch in Farbe noch direkt oder gar aus der Nähe.
  • die Gattin kann auch ohne mich einschlafen

6 Kommentare

  1. Eine irgendwie schöne Erfahrung: Wenn innen drin genug Vehemenz vorhanden ist, lenkt man andere mit Blicken.

    Korsos sind nicht immer doof:
    Neulich sind wir mit der Nachbarin vom öffentlich-gemeinsamen Gucken nach Hause gefahren und haben unser ganz privates 3-Fahrräder-Korso gemacht. Ohne Fahne, aber mit Fahrradklingel: Das war schön.




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  2. Deshalb kann ich die Korsi nicht leiden. Gegen reine Freude ist nichts einzuwenden, auch wenn es mal lauter wird. Aber wenn dann noch Alkohol im Spiel ist – was bei den Fußballkorsi zwangsläufig der Fall ist – bekomme ich Anfälle.




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  3. @buchstaeblich
    streiche bitte ‘schön’ und lasse Erfahrung.

    Die beste Tochter von allen sagt dazu “Polizeiblick”. Ich weiß nicht was sie damit meint. Ich kann einem Korso nichts abgewinnen, schon als es Rubberduck versuchte und es noch Convoy nannte. :)

    @Silencer
    Was wird das erst am Sonntag werden? An dem Tag werde ich mich ganz sicher nicht vor die Tür wagen.. aber danach…. danach ist es vorbei und man hat wieder seine Ruhe.

    Nebenbei:
    Ihr habt recht, Korso schreibt man mit K nicht wie ich mit C, das ist laut Duden (hätte ich mal besser vorher geschaut) die italienische Schreibweise. *peinlich*




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  4. Und ich dachte schon ich sei der einzige der sich noch an Rubberduck erinnert… ten-four




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  5. Eingekeilt zwischen lauter bierseeligen Fans… das braucht doch nun niemand. Niemals würde ich mich freiweillig einem Autokorso anschließen. Während der EM gilt “don’t drink and drive” nämlich ganz offensichtlich nicht mehr. Ist mir hier schon mehrmals unangenehm aufgefallen. *g* Gut, ihr hattet ja nun keine andere Wahl und musstet da durch. ;-)

    Ich gehe am Sonntagabend ganz sicher nicht aus dem Haus. :-)




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  6. Ja, was droht uns da bloß am Sonntag, sollten “wir” gewinnen?
    Ich werde beruflich raus und mitten auf unseren “Kreisel” müssen, um Fotos zu machen. Dort ging schon beim allerersten Gruppenspiel, das “wir” gewonnen hatten, die Post ab. Zuvor muss ich auf eine Ballett-Vorstellung – Welten treffen aufeinander!
    Aber ich bin mit meinem Roller unterwegs, da kann ich mich auch schnell wieder davon stehlen. So hat mein “kleines Goldenes” doch deutlich Vorteile gegenüber Deinem “kleinen Schwarzen”.




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