rührig

Heute ist definitiv der letzte Tag, er hatte es angekündigt und seit 3 Wochen hängt auch ein Zettel an der Tür. Unser Bäcker schließt endgültig seine Pforten. Das ist noch ein richtiger Bäcker mit Backstube und ohne Aufbackofen. Im Publikum sind viele alte Leutchen aus der Nachbarschaft, Ortsansässige und schrullige Originale. Die Sachen aus seiner Backstube waren nicht immer in exakt derselben Form und Qualität des Vortages, aber immer gut und immer von Hand gemacht.

Ich habe mich also von der Herzfrischen (ein, zwei) verabschiedet, sie geht ab heute in Rente, gemischte Gefühle in ihrem Gesicht, keine richtige Vorfreude. Der Chef kommt aus der Backstube, wischt sich eilig die mehligen Hände an einem an der Schürze baumelnden blaugrau karierten Handtuch ab, geht um seine alte verbrauchte Theke herum, bedankt sich ungelenk für die Treue, entschuldigt sich fast, das er nach 65 Jahren in der Backstube nicht mehr kann. Wir kennen uns 20 Jahre, haben außer den Tagesgruß kaum ein längerfristiges Wort miteinander gewechselt. Ein Schwätzchen am Samstag hie rund da und doch sind wir irgendwie miteinander vertraut geworden. Die beste Tochter von allen durfte damals ausnahmsweise auf die Handtaschenablage der fast neuen Theke klettern, um das dargebotene Bonbon der Herzfrischen zu erreichen, weil ich die Hände voll hatte. ….. Wir verabschieden uns, wünschen uns gegenseitig alles Gute. Er weiß, dass ihm das “Nichts-mehr-tun-müssen” nicht gut wirklich tun wird, aber es hilft nicht. Irgendwann ist es vorbei. Heute ist sein irgendwann.

7 Kommentare

  1. Wie traurig, dass es immer weniger dieser Läden werden, bei denen Einkaufen noch eine sehr menschelnde Sache ist.

  2. *nick*
    Der Bäckerladen in meinem alten Heimatdorf war auch so einer. An den kann ich mich noch genau erinnern. Als die Bäckersfrau, die immer im Laden stand, starb als ich so etwa 10 war, war ich trauriger als bei so manch einem Verwandten. 10 Jahre später mussten sie den Laden aufgeben. Der alte Bäcker konnte nicht mehr, der Sohn, der auch schon Bäckermeister war, musste seiner Mehlstauballergie wegen unbedingt aufhören. ‘Auswärtige’ übernahmen den Laden, sehr bemüht die Rezepte möglichst originalgetreu nachzubacken. Das gelang ihnen, aber mir fehlte damals die Seele. Noch gibt es den Laden. Ich bin mal gespannt, was daraus wird, wenn die ‘Neuen’ mal nicht mehr können.

  3. Ja, ich finds auch schade, wenn die echten Handwerksbetriebe schliessen :!:
    Wir hatten in Höchst an der Kö auch noch eine Bäckerfamilie, die hinten in der Backstube selbst ‘handarbeitete’. Seit ca. fünf Jahren ist es nur mehr ein Cafe, hübsch eingerichtet mit leckerem Kaffee und Torten – aber die Brötchen schmecken nicht mehr. Keine Ahnung, woher sie sich die bringen lassen … :donno:
    Die Öffnungszeiten sind natürlich auch anders – früher ab 6.15 Uhr und heute ab 8 oder sogar halb neun. Daran und am fehlenden Mehlgeruch merke ich immer sofort, daß es keine echte Handwerksbäckerei ist!

  4. Ach Mensch, was für eine Geschichte. Wie schade für euch.
    65 Jahre in der Backstube — dann muß der Bäcker um die 80 sein? Respekt!

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